Küssen

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Ich stehe in der 30er Zone und nichts bewegt sich. Keine Ahnung, was die Fahrzeugführer vor mir sich gerade zusammengurken – ich komme sowieso zu spät und ich kann genau so gut nach links schauen. Irgendwann geht es sicher weiter.

Da ist die Bushaltestelle und davor stehen zwei Leute.

Der eine ist klein und rund und sieht aus wie ein italienischer Bäcker, ist aber vermutlich kein Bäcker und schon gar nicht italienisch – schließlich sind wir in Brackwede. Er sieht freundlich und ein wenig ratlos aus, sein dunkles Haar geht ihm auf diese ganz besondere Weise aus, die vorn an der Stirn eine kreisrunde Haarinsel stehen lässt. Die andere Person ist unglaublich groß und unglaublich schlank und sie funkelt ob ihrer Jacke und ihres Gürtels, beide sind mit Straßsteinen im Überfluss versehen worden. Sie steht auf unglaublichen Stiefeln mit unglaublich hohen Stilettoabsätzen, was auf dem Kopfsteinfplaster nicht unbedingt das ideale Schuhwerk ist. Sie wackelt vor dem vermeinlichen und natürlich bebrillten Bäcker hin und her, sie gestikuliert weit mit den Armen ausholend und lacht immer wieder. Ich höre sie trotz meiner heruntergekurbelten Scheiben.

Er sieht ratlos aus und schaut sie hilflos an, während sie sich bückt und lacht und dicht an ihm vorbeischaut. Offensichtlich ist er ganz verwirrt.

Er merkt gar nicht, dass sie ihn die ganze Zeit versucht zu küssen. Was für sie nicht ganz einfach ist, wenn sie dabei nicht umfallen will.

Ich muss lächeln. Aber zum Glück bemerken sie das nicht.

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Ich habe eine ganze Reihe von Blogs durchforstet, dabei fand ich zwei oder drei Beiträge über den Ersten Kuss. Gut, dachte ich, schreibe ich über meinen, das muss wohl so etwas wie ein Wink des Schicksals sein, dem ich mich nicht länger verweigern kann.

Das einzige Problem dabei ist, dass ich mich gar nicht gut an meinen ersten Kuss erinnern kann. Wir reden hier – das bestimme ich einfach mal so – vom ersten Richtigen, keine der gefürchteten schlabbrigen Zumutungen, mit dem man die Mädchen in der Grundschule quer über den Schulhof jagen konnte. Das hat auch Spaß gemacht, war aber auch komplett anders.

Danach kommt eine lange Zeit, während der meine Lippen keinen Kontakt mit anderen hatten. Und dann muss es irgendwann passiert sein, aber will mir nicht einfallen. Die Kunst der Erinnerung sollte ich irgendwann einmal lernen.

Irgendwie schlimm, so etwas nicht zu wissen. Solche Geschichten sollte man doch mal vom Lehnstuhl aus den Enkeln und Nachbarskindern erzählen können! “Denis, wie war denn dein erster Kuss, hmm?” Ich denke mir dann wohl einfach etwas Gutes aus, das ist das verbriefte Recht von Lehnstuhlsitzern.Ich kann mich dafür um so besser an die Geschichte meines ersten guten Kusses erinnern. Der kam auf jeden Fall erst viel, viel später.

Sie war unnatürlich blond und viel kleiner als ich und jünger auch, und sie hatte so ein beinahe durchsichtiges schwarzes Schlauchkleid an, das sie, wie ich später erfahren sollte, erst unterwegs zur Party anziehen konnte, weil ihre Mutter sonst unweigerlich einen ihrer nicht untypischen Tobsuchtsanfälle bekommen würde, was Hausarrest zur Folge hätte – Ein Schicksal Schlimmer Als Der Tod, jedenfalls für jeden ausgehfreudigen Teenager und mit Sicherheit für sie. Naja, fast.

Sie hatte unter diesem Schlauchkleid nur ihre schwarze Spitzenwäsche an, so erinnere ich mich jedenfalls und diese füllte sie gut aus; sie war ganz schön üppig und das gefiel mir damals schon ausnehmend gut1. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, sie fragte mich, was das für ein Stück Musik wäre – und ich wusste Bescheid, sie bat mich um Feuer, ich rauchte nicht, sie eigentlich auch nicht, hervorragend, wir waren im Gespräch und mir wurde nicht erst jetzt warm; mir war schon seit Minuten heiß, seitdem sie begonnen hatte, mir immer wieder Blicke zuzuwerfen. Sie kam mir sehr nahe und zwischen uns befand sich nur mein T-Shirt und … was sie anhatte, war eigentlich nicht weiter nennenswert. Das fühlte sich … gut an. Sie strahlte Hitze aus wie ein kleines Kohlekraftwerk unter Vollast und und sie war ganz klar zu viel für einen Amateur wie mich.

Ich war… etwas… nervös und komplett hilflos.

Wir gingen raus, zum Luftschnappen und als wir gerade – Hand in Hand – um die nächste Ecke gebogen waren – drehte sie sich schwungvoll herum, zog mich zu sich herunter und dann küsste sie mich einfach. Sie schmeckte nach Fischerman’s Friend™ Mint (Zuckerfrei).

Ich war viel zu überrascht, um richtig mitzuküssen; meine Lippen verkrampften sich und wussten nicht wohin, meine Hände wussten nicht, wie ich sie zu umarmen hatte. Sie lies los und ging einen Schritt zurück. “Mmmh” machte sie mit ihrer hohen Stimme und schaute mich streng an. Sie hatte Augenbrauen, die sehr entrüstet aussehen konnten, wenn sie das nur richtig wollte, so wie jetzt. Ich sollte nicht so schlabbern und locker werden und sie richtig in den Arm nehmen, so und so… und so und hier die Hände hin, das würde sie so mögen.

Und dann probierten wir es noch einmal und ihre Lippen waren sie weich und warm und ich spürte, wie ihr Herz schlug und wie ihr Körper sich anfühlte und wie meine Lippen auch warm und weich wurden und dann meine Knie und wie alles zusammenpasste und wie mir schwindelig und leicht wurde. “Mmmh…” hörte ich sie, wie aus weiter Ferne.

Wir übten noch die ganze Nacht weiter und in der Woche darauf gab sie mir einen Korb.

Noch Monate später hatte ich immer noch den bis dato übelsten Liebeskummer meines Lebens. Aber ich konnte dank ihr immerhin ein wenig küssen, was sich später noch als nützlich erweisen sollte (und ich hatte post-Liebeskummer eine echte Freundin gefunden, die zu meinem größten Bedauern nie wieder mit mir übte).Etwas, an das ich mich gern erinnern mag – besser diese Geschichte als irgendeine schreckliche Geknutschkramperei, die ich wohl zu Recht aus meinem Speicher gelöscht habe, oder?

  1. Diese Faszination erklärte auch, dass mir nicht einfallen will, was sie untenrum anhatte – die Wäsche allein wäre doch ganz schön verwegen für die ländliche Umgebung gewesen, Goth hin oder her. Ich sollte sie wirklich mal fragen. []

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Inspiriert durch ein vielsagendes Frühwerk einer distinguierten Weblogschreiberin1 kann ich nicht länger schweigen und muss von meinen ersten Zungenkusserfahrungen berichten. Leider habe ich nie Tagebuch geschrieben, also muss ein weitgehend ehrlicher Blick zurück ausreichen. Geht los.

Sie hieß Claudia und ich fand sie unglaublich toll. Ich war Zivi und die Geschichte meines Liebesleben fand problemlos auf einer Briefmarke Platz, einer von den ganz kleinen Briefmarken. Wir arbeiteten beide im Krankenhaus und als ich ihr sagen wollte, dass ich in sie verliebt wäre, bestand sie darauf – “bevor du etwas sagst, etwas Tolles ist passiert” – mir strahlend mitzuteilen , dass sie endlich einen neuen Freund hätte. Vermutlich waren wir die einzigen Leute, die sich je im Lager für Bettpfannen heulend in den Armen lagen und das auch noch auf tragische Weise romantisch fanden.

Wir wurden die Sorte Freunde, die sich belauern wie rollige Katzen.

Als ihr Freund sich auf der Brüstung ihres Balkons stellte und mit seinem sofortigen Ableben drohte, weil sie ihn nicht richtig lieben würde und überhaupt, zog Claudia eine Trennung in vor. Ihr ging es fürchterlich und sie fühlte sich schuldig. Sie wollte nicht allein sein und so beschlossen wir, ein wenig zusammen fern zu sehen.

Natürlich bedeutete das: Man betrank sich aufs Schönste und das bis zur Besinnungslosigkeit. Sie hatte roten Sekt. Ein Teufelszeug! Heiliges Kanonenrohr! Süß und auf angenehmste Weise hinterhältig. Sie hatte den von ihrem Vater gemopst und meinte, vor seinem morgigen Besuch müsste das Beweisstück vernichtet werden. Nun, wie konnte ich mich da als Gentleman heraushalten? Die Flasche war schnell leer. Wir saßen auf dem Bett und hielten uns fest, damit wir nicht herunterfielen.

Sie meinte, der dicke Pulli wäre ja sittsames Polster genug. Dann könnten wir uns eigentlich auch etwas fester umarmen. Ja, meine geneigten Leser: Jetzt grinst ihr. Wir beide damals auch. Sie meinte, das ihre Bauchmuskeln unglaublich stark wären. Ich sollte mich mal auf ihren Bauch stellen. Ich würde staunen. Echt.

Ich traute mich nicht. Aber ich fühlte trotzdem nach – fühlte sich gut an. Sie durfte dann auch meine beachtlichen Bauchmuskeln testen – fühlte sich auch gut an. Irgendwie ist aber dann das Bett trotzdem zusammengebrochen und – der locker verlegte Lattenrost gab nach – und wir saßen deutlich tiefer. Ich auf ihr. Oh, der Pulli war ganz klar nicht dick genug, um unverzeihliche Gedanken und Gefühle aufzuhalten. Ich war glücklich, beschloss ich und mein Körper stimmte mir zu. Ich half ihr auf und dafür bekam ich einen kleinen Kuss. Auf die Lippen. Das war keine Übung. Das war der Ernstfall.

Ich muss dunkelrot geworden sein. Daher gab es wohl noch einen Kuss, einen längeren Kuss sogar und dann spürte ich ihre Zunge in meinem Mund. Ich war überrascht, sie unzufrieden mit meiner Knutschtechnik. Claudia kicherte und beschloss, mir das Küssen beizubringen. Nicht so sabberig. Nicht so fest. Nicht so weich. Genau so. Das machte Spaß! Interessanterweise gab sie mit Freuden ungeahnt gute Zungenküsse, aber sie mochte keine bekommen: Klapp! Die Zähne blieben fest zusammen: Kein Zutritt.2 Egal. Wir standen immer noch mitten in einer Bettruine. Ich beschloss, das wieder herzurichten und sie holte – tadaaa! – noch eine Flasche roten Sektes vom Balkon, wo er es schön kühl hatte. Oh Gott. Roter Sekt.

Natürlich war damit unser Schicksal besiegelt. Der Untergang war vorherbestimmt und nicht mehr aufzuhalten. Ich bin nur sicher, es war gut. Ich kann mich nämlich ab dann an gar nichts mehr erinnern.

Ich weiß nur noch, dass ich am nächsten Morgen von der weithin gefürchteten Wohnheimraumpflegerin geweckt wurde. Ich befand mich in einer Sitzecke auf dem Flur. Die Putz keifte mich an, was ich hier wollte, hier wären Männer verboten, keiner dürfte hier übernachten3 und sie würde die Schlampe schon noch kriegen. Ich hätte wohl gesoffen, was? Sodom und Gomorrha! Aber sie würde das melden, die Polizei rufen und überhaupt. Die feine Dame würde sie auch noch kriegen! Raus fliegen würde die! Dafür würde sie schon sorgen! Als sie immer noch schimpfend ein paar Meter weiter um eine Ecke bog, floh ich auf leisen Socken (denn Schuhe hatte ich keine) und betrat Claudias Zimmer, die sich leicht schwankend bereit zur Arbeit machte. Spätschicht. So viele Stunden haben mir nie wieder gefehlt und mit fehlen meine ich auch: Ich vermisse sie. Wir umarmten uns.

“Haben wir…?” – “Ich kann mich nicht erinnern.” – “Aber wir haben uns geküsst, oder?” – “Nein, das ganz sicher nicht. Aber es war schön, oder? Ich weiß gar nichts mehr, aber ich würde das gern glauben. ” Da hatte sie aber recht. Sie hatte ein so liebenswürdiges wie unerschütterliches Pokerface aufgesetzt, da konnte ich auch einfach aufgeben und mitlächeln. Sie ging zur Arbeit, ich nach Hause.

  1. Teenie-Meriche war damals schon cooler als ich je sein würde []
  2. Können Zungen eigentlich irgendwo eintreten? Sie haben ja keine Füße. []
  3. was übrigens vollkommen falsch war, wie ich später erfuhr – sie hatte wohl einfach die Gene von Dschingis Khan – dem Mongolen, nicht der Gesangs-und-Tanzgruppe []

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