Kultur

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Es hat etwas für sich, wenn man einige Kulturschaffende in seinem Bekanntenkreise hält – gelegentlich schafft der eine oder andere tatsächlich etwas Kulturelles und man findet sich auf der Gästeliste für eine Premiere1 wieder, die hoffentlich nicht nur wegen der Freigetränke ihre Zeit wert ist.

Nun, dieser Abend an diesem Ort2 war es.

Ich war bestimmt 15 Jahre nicht mehr im Theater. Wobei diese eigentlich ein Hallenbad und das Stück eher Kleinkunst ist. Egal.

Der Punkt meines Beitrages ist die angebliche freie Platzwahl. Wenn die so frei und freiwillig ist, warum finde ich mich eigentlich genauso wie vor 15 Jahren3 … auf dem einzigen noch freien Platz im ganzen Ebertbad … ausgerechnet hinter dem massivsten, raumgreifendsten Paar von ganz Oberhausen wieder?

Diese Frage ist wichtig, aber nicht die Wichtigste. Viel wichtiger und interessanter ist nämlich, warum die beiden hornbebrillten (!), ausgesprochen angeschickerten Damen fortgeschrittenen Alters wieder hinter mir saßen, genauso wie damals, vor vielen Jahren an einem weit, weit entfernten Provinztheater. Wie damals hatten sie den Hang, jede Textzeile zu beantworten – und das laut – bevor einer der Schauspieler reagieren konnte.

“Nein.”

“So ist das nicht.”

“Hör mal, genau wie Engelbert. Engelbert.”

“Ja ja, wers glaubt.”

“Lachhaft.”

“Der war gut.”

“Lach doch nich’ so laut, die hören uns hier.”

“Der is’ fast so besoffen wie Du, Christel. Hia Hia hi hihihi!

Hhihihihahahaa … oh, benimm dich doch!

Die haben sicher all die Jahre auf mich gewartet. (Zum Glück war das Publikum laut und die Kulturschaffenden hatten in weiser Voraussicht für eine noch lautere Beschallung gesorgt- der Hornbebrillten lästerliches Tun blieb somit fruchtlos.)

  1. Ich wäre zu gern mit einigen von euch dort aufgetaucht; wenn ihr Interesse habt, werde ich mich aber bemühen, Karten zu bekommen []
  2. Das Stück hiess “Männerabend” []
  3. Vielleicht waren es doch eher 5 Jahre… []

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Liebe Freunde, ich habe vor weniger als zehn Stunden beschlossen, eine neue wichtige Mission auf die gormorgischen Fahnen zu schreiben: Die Rettung gefährdeter Kulturgüter. Ich will dabei helfen, einen mahnenden Finger auf die Schattenseiten unsere schnellebigen Zeit zu richten – ja, wir gehen mit Riesenschritten vorwärts, aber laufen wir so nicht Gefahr, einiges zu verlieren?

Zum Beispiel dereinst geliebte Rituale. Ich denke da zum Beispiel an die Kneipen- oder auch Sauftour. Denkt mal darüber nach: Wie viele von euch haben dieses Jahr schon eine kleine oder größere Runde durch die Lokale der Stadt eurer Wahl – oder besser, der Stadt, die euch keine Wahl gelassen hat – gemacht? Ich will vermuten, nicht allzuviele. Kneipentouren erfordern Planung, Zeit und Geld. Nicht nur muss dafür gesorgt werden, dass autofahrende Teilnehmer sicher nach Hause kommen oder einen passenden Schlafplatz bekommen, auch die Anderen müssen erst einmal gleichzeitig an denselben Ort bugsiert werden. Lacht nur, ihr Studenten: Das fiel euch auch schonmal leichter, damals: Vor Bachelorstudiengängen und anderen neumodischen Widrigkeiten, die ein trinkfreudiges und gleichzeitig soziales (!) Studium nicht unbedingt erleichtern. Vergessen wir auch nicht das Geld: Seit der Euroumstellung macht ja die bösartige Preispolitik der unaussprechlichen Brauereien und ihrer Verbündeten nicht einmal die winzigste Pause in ihrem kneipenfeindlichen Aufwärtstrend.

Man kauft sich also sein Bier im Supermarkt. Notfalls an der Tanke oder im 24-Stunden-Offen-Drugstore – immer noch billiger, auf jeden Fall kulturfeindlich. Das meine ich sogar mal ein wenig ernst.

Klar: Man trifft sich privat, bei Freunden, man trinkt vielleicht sogar fast dasselbe, vielleicht sogar mehr. Aber das ist nicht dasselbe, es geht ja nicht in erster Linie um den Genuß von Alkohol. Nein. Ehrlich? Immer noch nein. Ich sage euch jetzt auch, was dabei an Wichtigem verlorengeht.

Ich finde das schön, das man verschiedene Kneipen besucht, dort vielleicht andere Leute trifft, die man kennt oder auch nicht, mit denen man vielleicht gemeinsam andere Orte besucht, wo man wieder andere Leute trifft, man gibt sich gegenseitig etwas aus, man redet unglaublich wirres Zeug. Man bestellt Drinks. Man holt sie nicht aus einem Regal und bezahlt an der Kasse. Nein, man hat mit Menschen zu tun. Freiwillig. Im besten Fall endet alles gut, meist befriedigend angetrunken – vielleicht sogar unglaublich romantisch. In irgendeinem Bett. Unter einer trockenen Brücke. Oder auf einer bequemeren Parkbank. Möglichst aber wie gesagt in einem Bett eines freundlich gesinntem Besitzers oder einer freundlich gesinnten Besitzerin. Hier könnt ihr euch gegebenenfalls einen anzüglichen Zwinkersmiley einsetzen. Aber auch Solo – Bettnutzung ist aber aus tiefstem Grunde gut. Der Weg dahin – auch gern schwankend- ist eine Sternstunde feinsinniger und inspirierender Konversation. Soweit ich mich – äh – erinnern kann.

Wie viele feine Geschichten sind dort erfunden worden, auf solchen Unternehmungen in diversen Kneipen oder Cafés? Wo sollen die nun herkommen, aus Starbucks Filialen? McCafé? Total lustigen Eventlokalen im Alpinstil? Das ist doch unendlich traurig. Die ganzen tollen Eckkneipen gibt es ja sowieso nur noch in Städten; auf Dörfern und Vororten verschwinden sie langsam, mit fiesen gerichtlich verordneten Öffnungszeiten von pensionierten, zugezogenen Lehrern1 in die Pleite geklagt. Ehrlich, so ist das!

Ohne Kneipen keine Kneipentouren. Ohne Kneipentouren weniger gute Geschichten. Ohne gute Geschichten weniger guter Denis. Und das kann ja wohl keiner wollen, oder? Genau.

Rettet die Kneipentour.

  1. Ruhebedürfnisse haben die! []

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