Leben

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In jedem Jahr ist es dasselbe Spiel mit mir: Ich werde so ungefähr ab der zweiten Hälfte des Septembers sehr, sehr müde und bleibe es auch. Das bedeutet, dass ich unter der Woche nach der Arbeit so erledigt bin, dass ich kaum noch einem ordentlichen Film folgen kann, geschweige denn einem ordentlichen Gespräch oder einer Lesung… oder einem Buch.

Das liegt vermutlich daran, dass ich keine Lust habe, mich abends schlafen zu legen – dafür dämmere ich dann vor mich hin und ärgere mich darüber, dass ich die ganze Zeit so dämlich herumdämmere. Sobald mal etwas Interessantes passiert, penne ich natürlich augenblicklich ein – es reicht schon, wenn mal eine neue Folge How I Met Your Mother kommt – dann bin ich unweigerlich direkt nach dem Vorspann im Reich der Träume angekommen – dorthin habe ich nämlich immer einen Sonderzug gebucht, der in Sofanähe wartet.

Im Grunde sollte ich an Tagen wie diesen Urlaub nehmen und dann so ab Mitte Oktober wieder anfangen zu arbeiten.  Komischerweise scheint sich die Arbeit in diesen Wochen immer geradezu unverschämt zu häufen, also fällt diese Option aus.

Ich könnte natürlich auch mal den inneren Schweinehund plattmachen.

Oder einfach ICQ, Facebook… all die Kommunikationswege zeitweilig ausschalten, bevor ich durch meine Trägheit meinen Mitmenschen auf den Geist gehe.

Ich kann jedenfalls behaupten, dass ich meinen Halb-Winterschlaf im Halb-Winter habe.

In dieser Zeit führe ich so lange Krieg gegen den Schlaf, bis ich vernünftig werde und endlich bedingungslos und glücklich kapituliere, bis ich zur Kaffeezeit wieder aufwache.

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Da habe ich wohl jemanden ganz wichtiges wiedergetroffen, jemand der lieb und wundervoll und noch viel mehr ist. Komischerweise macht mich das glücklich und zerstreut. Wichtiges könnte vergessen werden und das können wir natürlich nicht zulassen, oder? Ich brauchte eine Liste von zu erledigenden Sachen.

Diese Liste.

  • Haare wachsen lassen. Mir wurde ein Neustyling angeboten.
  • Einen kleinen Mülleimer fürs Klo: Benötigt wegen Wattestäbchen und… Sachen.
  • Einen Fön besorgen. Ich brauche keinen.
  • Warum gibt es kein Cranberrymüsli im Marktkauf?
  • Nie wieder “Hirtenkäse” anstelle von richtigem Schafskäse kaufen.
  • So denke ich nie daran, meine iPod-Dockingstation zu reklamieren. Reklamier sie, Denis.
  • Skype aufs Handy bekommen. (Erledigt.)
  • Meinen guten Wein aus dem Keller meiner Eltern retten.
  • Bücherregale aufbauen. Ich hab hier nur ein Buch und das macht mich wahnsinnig. Bücher fast zu vergessen – das kann nur einen Grund haben.
  • Warum gibt es im Bodyshop nicht mehr das ganz normale schlichte Massageöl ohne alles? Diese Terroristen!
  • Besseres Bier als Oettinger. Nicht vergessen!
  • Würdigen Kronleuchter für das Kronleuchterzimmer organieren. Hat einer einen abzugeben?
  • Mehr Kissen.
  • Experiment: Sieht man auf der anderen seite eines Skype-Videotelefonats, wenn einer weint?
  • Größeres, bequemeres Bett erwägen.
  • Herausfinden, ob es hier wirklich keine Biotonne gibt. Bekomme aber immer den Auftrag, sie an die Straße zu stellen. Eine Phantomtonne?
  • Lohnt sich ein NRW-Ticket?
  • Messer auf Sushitauglichkeit erproben.
  • Das Machen Ehrlicher Komplimente üben.
  • Die Person mit den Kinoermäßigungskarten auf Bestechlichkeit überprüfen. Gegebenenfalls bestechen.
  • Nützlichkeit der vier Kilo original Alpia Schokolade klären, die in meinem Schrank liegen. (Lange Geschichte.)
  • Die Sache mit den Venusmuscheln klären.
  • Ich brauche ein Sofa, das mir mehr zurückgibt und weniger nimmt.
  • Ach ja, Weihnachtsgeschenke. Wüsste gar nicht, was man sich von mir wünschen könnte.

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In diesen Zeiten ist der Himmel grau und oft regnet es; man sieht manchmal die Hand vor Augen nicht vor lauter Nebel. Man schlägt den Kragen hoch und hofft, doch noch unbehelligt am Ziel anzukommen. Ohne diese Sorte fieser Wassertropfen, die einem hinter den Kragen laufen und dann leider den Nacken hinab.

Es ist diese besondere Sorte Regen, die Farbe aus dem Leben wischt wie ein nasser Schwamm eine kunstvoll beschmierte Schultafel.

Du schiebst die Hände in die Taschen und duckst dich hastig unter dem Grau hinweg, ein paar Schritte schneller als du sonst angenehm findest. Vielleicht nicht atemlos. Aber es geht in die Richtung, vielleicht weil man die Lippen aufeinander presst und die Zähne zusammenbeißt.

Manchmal geht man aus dem Haus und wundert sich, welchen Hundehaufen das Leben wohl für den nächsten Schritt platziert hat oder ob man – wie man eigentlich nach all den Jahren erwarten sollte – bereits in eben diesem Moment drinsteht.

Aber ich kann nicht einfach die Hoffnung aufgeben. Ziemlich sicher wartet nicht das Goldene Zeitalter hinter der nächsten Ecke. Ziemlich sicher kommen die Sonne und die Farben und das spannende Leben nicht in der nächsten Sekunde dort heraus, wo irgendwer sie gefangen gehalten hat, all die Jahre. Wenn dem nicht so wäre, dann wären Geschichte und Geschichte nichts wert. Sind sie aber.

Aber ziemlich sicher nicht bedeutet auch, dass es vielleicht doch kommt. Du kannst es nicht ausschließen. Vielleicht nicht an der nächsten Ecke, aber dann nach der übernächsten oder der überüberübernächsten Biegung.

Die Sonne wird in dein Gesicht scheinen und dich nicht blenden, sie wird dich nur wärmen und aus einem langen Schlaf wecken. Du wirst dich ruhig und ein wenig schläfrig fühlen und zufrieden und neugierig und das zweite wird bald vergehen und einem leisen Lächeln Platz machen, welches für niemanden außer dir selbst bestimmt ist.

Du brauchst keine Schritte zu hören; du spürst ihre warme Präsenz selbst wenn sie gerade nicht im Raum ist, ihren leichten Geruch, den nur du wahrzunehmen scheinst.Du spürst noch ihr Lächeln des letzten Abends. Wie sie dir in die Augen geschaut hat. Es kribbelt noch.

Selbst wenn dir niemand das Frühstück ans Bett bringt, du Pascha. Selbst wenn sie gerade mit dem Hund unterwegs ist, dann ist das ganz sicher ein wohlerzogener und freundlicher Hund, der dir keine Haufen auf den Weg legt. Außer aus Versehen natürlich.

Dies ist dann wohl das Goldene Zeitalter, denkst du dir und wartest auf ihre Rückkehr.

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Eigentlich wollte ich grade vor einer Stunde über den fürchterlich miesen Eiskaffee im Mindener Ratscafé schreiben – wie ich in meiner Naivität vorausgesetzt hatte, dass ich hier mit einem Kaltgetränk zu rechnen hatte – oder über die Ungerechtigkeiten in der Geschlechterfrage. So die Tatsache, dass der klassische Partyhorror “Schau, Schatz, aber unauffällig: Die da drüben hat dasselbe Kleid an wie du.”bei Männer komplett harmlos oder sogar eher erheiternde Wirkung hätte. “Herr Kollege, sie haben aber ein tolles Hemd! – Danke, ihres gefällt aber auch!”

Natürlich könnte das auch der Grund sein, warum viele Männer bei offiziellen Anlässen per Pinguinmethode von vornherein in Uniform auftreten. Prävention. Ihr versteht.

Gestern Abend plante ich noch, über die Beerdigung zu schreiben, die für morgen geplant ist. Aber an die muß ich gerade gar nicht mehr so sehr denken wie in den letzten Tagen, mich hatte die Sache fast jede wache Minute beschäftigt. Nun dreht sich wieder alles in meinem Kopf, nun allerdings um eine andere Neuigkeit:

Seit ein paar Minuten weiß ich, dass ich bald wieder in Vollzeit arbeite. Ich habe genau die Stelle bekommen, die ich haben wollte und werde bald sehr bald wieder in der Zivilisation mein Lager aufschlagen. Die erste positive Nachricht seit langem und ich gedenke sie zu genießen, so sehr es mir möglich ist.

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Zweimal an diesem Morgen ist es mir aufgefallen und ich kann nicht länger schweigen, auch wenn mir so ein Schicksal Schlimmer Als Der Tod zuteilwerden könnte – Männer mit rasierten Beinen in kurzen Hosen unterwandern unsere Städte. Im Winter haben sie sich noch notdürftig in schlabbrigen Hosenbeinen tarnen müssen. Nun haben sie ihre Coming Outs.

Blasse, krumme, Häkelnadelbeine. Unbestrumpfte Füße in Slippern. Viel zu kurze Hosen.

Ein Exemplar wankte an der Straße entlang, die Haare fettig hinabhängend, aber die O-Beine akurrat enthaart.

Das andere legte erst vor der Bank etwas vorsichtig in einen dunklen Winkel. Er sah suspekt aus, mit seinem Sparkassen-Kinderregenponcho mit “Knax” Schriftzug. Ich habe einen Blick in den dunklen Winkel geworfen: Da lag eine brennende Zigarette, neben einem halben Dutzend halbgerauchter kalter Exemplare; offensichtlich verzichtet der Mann – ich brauche seine dünnen, blaugeaderten, säuberlich rasierten Beine nicht extra erwähnen – darauf, sein Rauchwerk nach erledigten Finanzgeschäften wieder aufzunehmen.
Ich bin sicher, es gibt noch mehr von ihnen. Aber ich weiß nicht was sie sind.

Ich muss wachsam sein. Wir müssen wachsam sein.

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… sollte doch der Moment kommen, an dem man entschieden genug Demütigungen und Niederlagen erduldet hat, um einfach – ein einziges Mal nur – eine Sache, einen Moment bekommt, den man sich erwünscht hat. Vielleicht einfach nur, weil ich bald Geburtstag habe und eigentlich will ich nur ein Lebenszeichen, wenn schon kein Gespräch, irgendetwas von einer bestimmten Person.

Aber.

Nun ja. Manchmal wünschte ich mir außerdem, dass ich hier anonym wäre und dass ich ehrlich darüber schreiben könnte, was mir heute passiert ist. Leider kann ich das nicht. Leider ist es trotzdem passiert.

Wann ist der Mist eigentlich mal vorbei, bitte? Die Grenze ist wirklich erreicht.

Eigentlich wollte ich etwas anderes veröffentlichen, aber gerade bin ich einfach nicht in der Lage dazu. Scheiße.

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