Leute

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Manchmal trifft man Leute und man spricht lange mit ihnen und dann sind sie immer noch so real, wie man sie sich vorgestellt hat, in all der Zeit vor dem Treffen. Dann trifft man sie für noch längere Zeit und sie werden noch realer und menschlicher und wundervoller.

Kaum zu glauben.

So allmählich kann man dann wohl den Gedanken akzeptieren, dass man sich so langsam entspannen könnte. Und es dann auch tun, entspannen nämlich.

Es könnte ja sogar gut werden, denke ich und der Gedanke setzt sich fest und mag nicht mehr weggehen. Das merke ich spätestens dann, wenn ich nicht so recht an Gorgmorg schreiben kann, weil da jemand ist, dem man lieber Worte schenken möchte als einem Blog.

Das ist für mich in Ordnung.

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Da habe ich wohl jemanden ganz wichtiges wiedergetroffen, jemand der lieb und wundervoll und noch viel mehr ist. Komischerweise macht mich das glücklich und zerstreut. Wichtiges könnte vergessen werden und das können wir natürlich nicht zulassen, oder? Ich brauchte eine Liste von zu erledigenden Sachen.

Diese Liste.

  • Haare wachsen lassen. Mir wurde ein Neustyling angeboten.
  • Einen kleinen Mülleimer fürs Klo: Benötigt wegen Wattestäbchen und… Sachen.
  • Einen Fön besorgen. Ich brauche keinen.
  • Warum gibt es kein Cranberrymüsli im Marktkauf?
  • Nie wieder “Hirtenkäse” anstelle von richtigem Schafskäse kaufen.
  • So denke ich nie daran, meine iPod-Dockingstation zu reklamieren. Reklamier sie, Denis.
  • Skype aufs Handy bekommen. (Erledigt.)
  • Meinen guten Wein aus dem Keller meiner Eltern retten.
  • Bücherregale aufbauen. Ich hab hier nur ein Buch und das macht mich wahnsinnig. Bücher fast zu vergessen – das kann nur einen Grund haben.
  • Warum gibt es im Bodyshop nicht mehr das ganz normale schlichte Massageöl ohne alles? Diese Terroristen!
  • Besseres Bier als Oettinger. Nicht vergessen!
  • Würdigen Kronleuchter für das Kronleuchterzimmer organieren. Hat einer einen abzugeben?
  • Mehr Kissen.
  • Experiment: Sieht man auf der anderen seite eines Skype-Videotelefonats, wenn einer weint?
  • Größeres, bequemeres Bett erwägen.
  • Herausfinden, ob es hier wirklich keine Biotonne gibt. Bekomme aber immer den Auftrag, sie an die Straße zu stellen. Eine Phantomtonne?
  • Lohnt sich ein NRW-Ticket?
  • Messer auf Sushitauglichkeit erproben.
  • Das Machen Ehrlicher Komplimente üben.
  • Die Person mit den Kinoermäßigungskarten auf Bestechlichkeit überprüfen. Gegebenenfalls bestechen.
  • Nützlichkeit der vier Kilo original Alpia Schokolade klären, die in meinem Schrank liegen. (Lange Geschichte.)
  • Die Sache mit den Venusmuscheln klären.
  • Ich brauche ein Sofa, das mir mehr zurückgibt und weniger nimmt.
  • Ach ja, Weihnachtsgeschenke. Wüsste gar nicht, was man sich von mir wünschen könnte.

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Manche Leute sagen, dass ich ein einigermaßen höflicher, vielleicht sogar zuvorkommender Mensch sei. Außerdem bin ich vermutlich einigermaßen tolerant, das bilde ich mir jedenfalls ein. Ganz sicher habe ich ein dickes Fell, allein schon von Berufwegen. Man sollte also glauben, dass mich so schnell nichts menschliches mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Man glaubt richtig – natürlich bin ich unerschütterlich, ein ruhender Pol im rastlosen Weltgeschehen, ein helles Licht des gesunden Menschenverstandes und nicht zuletzt ein Fels überlegener Moral.

Außerdem bin ich weithin bekannt für meine Bescheidenheit.

Nur manchmal gibt es ein paar sehr kurze Momente, in denen ich meine Fassung zu verlieren scheine. Natürlich tue ich nur so1.

Gestern war ich auf dieser kleinen, intimen Feier mit zirka ein paar hundert Gästen. Ich hatte mich in einem seltenen Moment der Schwäche zum Getränke holen überreden lassen; weil mich meine Freunde und Bekannten wirklich gern haben, ließen sie mich nicht etwa Flaschenbier, sondern Weißwein holen. Im Glas. Drei oder vier davon, dazu eine Orangina für mich, den bedauernswerten Fahrer. Es dauerte natürlich nach der Wartezeit Ewigkeiten, die Gläser und größere Teile des ursprünglichen Inhalts durch die Menschenmassen zum jeweiligen Adressaten zu transportieren. Als ich ankam, war meine Orangenbrause bereits durch plötzlichen Ellenbogen- und dann Bodenkontakt vernichtet worden. Die Übeltäterin, eine sonst nicht weiter auffällige Person, kicherte mich an und bekundete, dass das aber wirklich dumm für mich  gelaufen wäre. Und: Ups, das sagte auch noch.

Ich stellte mich da einfach mal hin und wartete ein, zwei Minuten. Aber nö, sie brachte mir keine neues Fläschchen. Sie entschuldigte sich auch nicht. Sie räumte auch nicht die Scherben weg, die da sehr unschön auf einer Sitzfläche lagen. Mein Job, vermutlich. Genauer gesagt hatte sie mich offensichtlich vergessen und begann sich angeregt zu unterhalten.

Ich wartete weitere ein, zwei Minuten und dann war der Moment gekommen, den täuschend echten Eindruck zu vermitteln, ganz kurz vor dem Verlust meiner Fassung zu stehen.

Aber sie schaute nicht einmal hin. Ich erwähnte kurz, dass ich ja eigentlich auch ganz gern mal eine Entschuldigung gehört hätte und ob sie denn wenigstens die Scherben aus dem Weg räumen könnte, bitte schön. Ups, sagte sie. Und kicherte.

Ich war grandios gescheitert und verließ den Ort der Niederlage, um mir was gegen den Durst zu organisieren. Als ich wiederkam, war die Person weg und meine Leute teilten mir mit, dass sie die Person weder kannten, sie je zuvor gesehen hätten und ob sie mir zur Rettung des Abends einen ausgeben könnten.

Der Abend nahm einen durchaus erfreulichen Verlauf, bis mir jemand kumpelhaft auf den Rücken klopfte – die Person war wieder da und entschuldigte sich. Sie hätte mir ja glatt einen ausgegeben, aber sie hatte ja kein Geld – und so. Ich beschloss, einfach ihre offenbar frisch angebrochene Pulle Bier zu übersehen und lächelte. Es war nicht so, dass ich mich ärgerte. Sie wirkte auf mich nicht unterhaltsam, fand dafür mich scheinbar hochinteressant und verwickelte mich in ein Gespräch, welches so enorm belanglos war, dass ich mich jetzt beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann. Woran ich mich allerdings erinnern kann, war ihr beachtlicher Durst. Ihre Flasche leerte sich zusehens und ich bemerkte begehrliche Blicke in Richtung meines eigenen Malzbiers2

- Echt, du trinkst Malzbier?
- Ja, sieht so aus, oder?
- Darf ich mal probiern? Hab ich jahrelang nicht probiert. Will gern wissen wie das schmeckt.

Ich weiss auch nicht, warum ich ihr die Flasche rübergegeben habe. Ich weiss nur, dass ich sie leer zurückbekam und ich noch einmal probierte, fassungslos auszusehen. Ich war selten so überzeugend sprachlos. Leider war sie da schon weg gegangen.

Dazu fiel mir dann auch nix mehr ein. Immerhin hatte ich noch Pfand gut, dachte ich auf dem hundertfuffzigsten Weg zur Theke.

Manche Leute.

  1. Habe ich schon erwähnt, dass ich auch ein begnadeter Schauspieler bin? []
  2. Bevor einer lästert: Dann und wann trinken auch echte Männer genauso wie echte Frauen gern eine Flasche Malzbier. []

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Mister J. entfernte sich, was natürlich nur schlimme Folgen haben konnte, denn das lies mich in ansonsten angenehmer Gesellschaft zweier weiblicher Wesen zurück. Für die Jäger Der Nacht kann das nur als “da ist noch eine frei” gedeutet werden und so fand sich schon bald der erste ein.

“Sach mal, wie heißte denn?”

Sie sagte ihren Namen, doch damit war er natürlich noch nicht zufrieden.

“Warum haben dich denn deine Eltern so genannt? Was haben die sich dabei gedacht ?”

Sie machte einen weiteren großen Fehler und erklärte es ihm.

“Ich, ich heiße nämlich Marek. Und das fand ich ganz schön lange total doof. Aber nach einer Weile, nach ein paar Jahren, da hab ich mal drüber nachgedacht. Und inzwischen find ich das gut, dass ich Marek heiße. Weil…”

Beide Damen hatten in einem Moment von fast telepathischer Übereinstimmung beschlossen jetzt sofort, dringend und unaufgeschiebbar die zweifelhaften sanitären Einrichtungen der Lokalität aufsuchen zu müssen. Husch, weg waren sie. Ich hatte ihn schon ein paarmal mit meinen besten “Was machst du mit meiner Braut1, Alter?” Blicken beschossen, die aber wirkungslos an seinem Schutzschild aus besten Ignorantium (TM) abgeprallt waren und erwartete nun eigentlich, das er gehen würde. Natürlich – denn sonst wäre dieser Eintrag noch sinnloser – funktionierte das nicht wie erhofft. Nein. Ich durchbohrte ihn mit Blicken, aber er schüttelte den Beschuss lässig ab.

“Hey. Wie heißt Du?”

“Denis.”

“Was haben sich deine Eltern denn dabei gedacht?”

“Nix. Ich glaube, die fanden den gut.”

“Echt?”

“Echt.”

“Ich heiße Marek. Ich fand das lange total scheiße, aber heute find ich den Namen cool.”

“Weil sonst keiner so heißt?”

“Ey, Alter, geh mal nach Ungarn, da heisst jeder so. Ist nicht so cool. Aber hier!”

Ich ging mir dann mal flott ein Getränk holen. Danach war er mit den nächsten Opfern beschäftigt. Wir sind nicht mehr so lange geblieben, aber als wir gingen, war er schon fast einmal durch den ganzen Laden, die Tanzfläche nicht ausgenommen. Ich bin sicher, er hätte wieder genau dasselbe gemacht.

“Hallo, wie heisst Du?”

Und seine Freundin stand die ganze Zeit in der Ecke und wartete, bis er mal vorbeikam und sie knutschte. Leute gibts ja.

  1. Es waren keine Bräute von mir anwesend, aber das wusste er ja nicht []

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