Männer

Artikel mit dem Stichwort Männer.

Vor gar nicht langer Zeit schrieb ich kurz über Frauen und ihre manchmal wundertätige Unterwäsche; die wirkt aber auch nur mit der richtigen Frau in der Wäsche und kurz darauf ohne dieselbe, aber das muss ich meiner geneigten Leserschaft sicher nicht erst erläutern.

Männer sind scheinbar nicht besonders geschickt im Umgang mit der weiblichen Umverpackung; ein BH-Verschluss kann sie schon vor einige Probleme stellen; selbst ich – bekanntlich ein großer Liebhaber und von gerühmter Fingerfertigkeit – muss zugeben, hier bisweilen gescheitert zu sein. Ich rede hier nicht von den zitternden Digiti aufgrund der aufregenden Situation, sondern um die schlichte Trampeligkeit, die uns so außerordentlich liebenswert macht.

Ich habe mal gesehen, wie sich eine Frau in Sekundenschnelle aus einem herrlich unpraktischen Body geschält hat und dabei um so großartiger aussah; ich hatte noch nicht einmal begriffen, wie man so etwas richtig anziehen kann.  Männer hingegen haben bei weitem einfachere Wäsche und sehen – bis auf einige kalifornische Profis – laut allgemeiner Frauenmeinung schon beim Sockenausziehen traurig bis mitleiderregend aus. Reden wir lieber nicht von den gefährlicheren Gebieten.

Aber wenn ich schon einmal so viel über das schön Geschlecht und ihre Verpackung sprach, dann ist es nur fair, auch uns Männer zu erwähnen.

Dabei haben wir es doch meistens sehr viel einfacher als die Frauen mit ihren komplexen Textilien, liebe Geschlechtsgenossen, oder? Keine Strapse, nichts Geschnürtes, nichts zum einhaken und nur selten Knöpfe. Glauben die Frauen. Natürlich liegen sie völlig falsch, wie immer wenn es um das angeblich so simple andere Geschlecht.  Aber es gibt ja dieses Weblog, um endlich für Aufklärung zu sorgen. Aufgepasst, es geht los:

Was Männer drunter tragen und warum das alles so kompliziert ist. Grundkurs 1.

Die klassische Unterhose, Doppelripp weiß, mit Eingriff

Häßlich, aber bequem. Gern ausgebeult. Die habe ich als Kind tragen müssen und fand sie cool, weil die Erwachsenen sie auch hatten. Spätestens nach dem zweiten Schritt in Richtung Pubertät war es damit vorbei. Merke: Der Eingriff ist mit einem Griff nicht zu bedienen und erschwert vielerlei Dinge, unter anderem das Gelächter einer seiner ansichtigen Frau zu verhindern. Geständnis: Doppelripp fühlt sich gut auf der Haut an. Kurvige Frauen sehen toll in Doppelripphemden aus; die Unterhosen stelle ich mir an ihnen lieber nicht einmal vor1.

Der String oder: Das Grauen in jedweder Form und Farbe

Nur von kalifornischen Profis mit einer Einstellung zu tragen, die von ihnen gern mit Würde verwechselt wird. Ansonsten – sobald enttarnt und mit bloßem Auge wahrgenommen – ein Grund zur Sorge und gleichzeitig zu lebensfeindlichem Spott; es sei denn, der Träger sieht einem kalifornischen Entblößungsprofi zum Verwechseln ähnlich und teilt deren Einstellung. Manchmal muss man eben Arsch sein, bzw.: Haben.

Die Boxershorts classic (Typ “Luftig”)

The American Way of Unterhose: Freies Spiel der Kräfte, dabei nimmt man Knittrigkeiten und häufige Formlosigkeit in Kauf. Kann jeden Arsch einigermaßen erträglich aussehen lassen. Reden wir von gefährlichen Gebieten: Leider bedeutet diese Freiheit auch neue Risiken, man kann sich nie ausrechnen wo sie einen erwarten oder besser: Wo er liegt, hängt oder sogar steht. Für echte Cowboys, die keine Probleme damit haben, dass die Damen vor ihnen sofort ganz genau wissen, wie sexy er sie findet: Die Classic kann einen Rettungsring verstecken, aber sie ist sonst offen und ehrlich. Einige Leute tragen monatelang nur ein T-Shirt und keiner merkt, dass sie nichts drunter tragen – wäre ja auch unmöglich, sie tragen ja schließlich nichts drüber.
Geständnis: Davon besitze ich nicht viele, aber schon ein paar. Es gibt Momente für Cowboys in jedem Leben. Und, hm, suchende Hände kommen hier besonders gut ans Ziel. Aber an besonders interessanten Abenden würde ich die nächste Möglichkeit tragen.

Boxershorts, modern. Oder: Die Schimmernde Rüstung des Ritters Der Mittleren Großstadt.

Sie teilen den trägerschmeichelnden Schnitt der Boxershorts mit dem sicheren Sitz des schrecklichen String und der prolligen Bequemlichkeit der doppelrippigen Schinkenbeutel. Nicht sonderlich Unfallträchtig und einigermaßen würdevoll. Manche sehen sogar gut aus. Nachteil: Alles Preiswerte sieht genauso aus, als wäre das Objekt Muttis letztes Geschenk zu Weihnachten. Das ist besonders unerfreulich, da ein solcher Eindruck der Wahrheit oftmals erschreckend nahe kommt. Glaubt mir, Ladies. Ich weiss genau, wovon ich spreche.

Fazit: Wir haben es auch nicht leicht. Und diese drollige Unbeholfenheit beim Ausziehen, die ist nur eine Ausrede, sich von doch besser von zarter und kundiger Hand auspacken zu lassen. Jawohl.

  1. Zu spät. Argh. []

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Ich war mal ein Teenager Werwolf. Jetzt bin ich eine andere Sorte.

Der Herr B. in jungen Jahren (Künstlerische Darstellung)

Ich kann mich nicht über Interesse an meinem Äußeren beklagen – jedenfalls nicht, was die geneigten, aber zu einem guten Teil recht neugierigen Leserinnen und Leser meines Weblogs angeht. Bisher habe ich davon abgesehen, ein Foto von mir zu veröffentlichen und glaube auch nicht, dass sich das an diesem Ort ändern wird. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass sie vielleicht nicht darauf vorbereitet sind, der Realität meines bis dahin rätselhaften Antlitzes ungeschützt ausgesetzt zu sein.

Ich hole kurz aus.

Ein männlicher Sozialarbeiter an einer Grundschule1 hat es in vielerlei Hinsicht leicht – man ist bei Eltern Exot und hat Vertrauensbonus und die problematischen Jungs sind oft gar nicht so problematisch, wenn man sie “Mann zu Mann” anspricht. Tatsache. Aber da gibt es eine Schattenseite. Es gibt nicht endenden Schrecken, der den männlichen Sozialarbeiter an einer Grundschule verfolgt.

Der nicht enden wollende Schrecken nennt sich “Mädchenbanden, die über alles kichern, vor allem über männliche Sozialarbeiter an Grundschulen”.

“Herr B..? HERR B.?”

“Ja?”

“Wissen sie, wie sie aussehen?”

“Ja. Ich prüfe jeden Morgen nach.”

<Sie kichern.> “Das links und rechts an ihrem Kopf, ist das sowas wie ein Bart?”

“Das ist sowas wie ein Bart, ja.”

“Und sie haben so ein paar graue Haare. Und heute sehen sie so kratzig im Gesicht aus. Sie sehen aus wie…” <Sie kichern und kichern dann noch etwas mehr, danach tuscheln sie untereinander.> “… wie ein Werwolf! Sie sehen aus als würden sie Leute essen! Darum essen sie auch heute nichts! Sie sind schon satt!”

Ich denke nach und grinse. Die Mädchen kreischen vor Vergnügen und die Kolleginnen schauen missbilligend von den Nachbartischen herüber – wir sitzen nämlich beim Essen.

“Cool.”, sage ich. Wenigstens weiß ich nun genau, wie ich auf Leute wirke. Gefährlich. Wild. Ich bringe sie zum Lachen. Alles gut. Nun muss ich das nur noch bei etwas älteren Frauen hinbekommen.

  1. Ich bin inzwischen wohl eingestellt und man darf vorsichtig gratulieren []

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Habe ich vielleicht schon einmal erwähnt, kein besonders beliebtes Kind gewesen zu sein? Sicher nur an die vierhundert mal. Als Teenager war es schlimmer. Aber auch in dieser Zeit – dem Winter des dunkelsten Zeitalters gorgmorgischer Zeitrechnung – gab es dann und wann Altersgenossen, die sich für mich interessierten.

Meistens erkennt man gegenseitiges Interesse an kreativen Beleidigungen des anderen oder an besonders hingebungsvollen Prügeleien. In der fünften Klasse war es noch “in”, sich zu prügeln und so massiv Aufmerksamkeit zu bekommen, nun ja, in irgendeiner Form jedenfalls. Es ging auch anders.

Ich hatte Ahnung von Computern. Chris, einer der beliebteren Zugezogenen, gar nicht. Seit einer kurzen Weile lebte er auf einem Bauernhof in der Nähe, den sein Vater – Typ Latzhose-Bart – renovierte. Chris’ Vater war ein echtes Arschloch und der erste richtige Spießer den ich kennenlernte, hielt sich aber für das Gegenteil, wie alle echten Schurken.

Ich sollte mal vorbeikommen, das tat ich dann auch. Ich schaffte es sogar, ein Spiel auf seinem Commodore 64 zum Laufen zu bekommen; so einen alten Computer hatte ich auch. Chris war nun dankbar und man freundete sich so an, wie man in der Kombination beliebt/unbeliebt, Sportler/”Letzte Wahl beim Völkerball”1 sein konnte.

Wir machten Jungssachen. Mofa übern Hof fahren, Hühner streicheln, mit dem Lufgewehr schießen. Das durfte ich aber nur einmal, darin war ich gut. Mofa fahren dafür dauernd, das traute ich mich eh nicht. Chris war sehr bestimmend in solchen Dingen und ein großer Freund von Mutproben.

Zwei Monate später war er auch im Schwimmverein und besser als ich, bis er die Lust ein paar Wochen später wieder verlor. Er war einmal zu Besuch gewesen und hatte die absolut übelsten Tischmanieren, die ich jemals bei Besuch erlebt hatte. Meine Eltern erbleichten original comichaft, wie ich es nie für möglich gehalten hatte, als er sich mit ungewaschenen Fingern beim Aufschnitt bediente. Er verzichtete ganz auf Brot, was mich erstaunte: Zuhause bei seinen Eltern tat er das nie.

Ich mochte Chris inzwischen nicht mehr so sehr, er hatte die Tendenz alles zu bekommen was er wollte und er wollte ständig irgendetwas.

Eines Tages, als ich mal wieder eine der gefürchteten Predigten seines Vaters an seiner Stelle abbekommen hatte (“Chris weiss was Moral ist, der macht sowas nicht! Meine Kinder machen so etwas nicht! Immer seine Freunde, jaja!”), verkrochen wir uns in seine Gemächer, die über dem alten Kuhstall in den alten Zimmern der Gesinde angesiedelt waren. Niedrig und langestreckt, die Wände waren aus Lehm. Fachwerk.

“Schwörste, das niemandem zu erzählen? Niemandem? Sonst bring ich dich um. Echt.”

Ich schwörte.2

Schau mal, hier”. Seine Stimme hatte etwas Chris besaß eine kleine Truhe mit einem Vorhängeschloss, das öffnete er nun in feierlicher Geste. Darin lag eine Menge Krimskrams, unter anderen ein Klappmesser. Sein Vater hasste Waffen, daher war das Ding ein Sakrileg in diesem Haushalt. Ich sah es aber nur aus dem Augenwinkel, denn die Hauptreliquie war ein kleines Heft.

“Das hat mir Savarn geliehen. Aber ich geb’s dem nicht zurück.Ich hab dem gesagt, eher zeig ichs meinem Vater.”

Damals arbeitete ein Inder auf dem Hof, den Chris’ Vater irgendwo aufgegabelt hatte. Seinen Namen kann ich nicht richtig schreiben; er klang wohl so in etwa wie “Savarn”.

Das Heft war ungefähr DIN A5 Format und aus festem, glänzenden Material. Abwaschbar, wenn man es nicht gerade mitwaschen wollte. Drauf stand “Sexy” in pinken Buchstaben.

Natürlich war es ein Pornoheft der klassischten Sorte, die Art die man noch in richtigen, echten Kiosken oder Autobahnraststätten bekommt. Das war noch ein richtiges, echtes Pornoheft. Die Typen hatten trugen Leder sowie Schnäuzer und alles war bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet, damit der geneigte Betrachter auch wirklich alles – für sein Geld! – zu sehen bekam. Die Frauen, wow. So konnten Frauen aussehen? Sie waren alle blond und hatten diese unglaublichen 80s Big Hair Frisuren und sonst vor allem funkelnd rot lackierte Lippen. Und, äh, das war noch lange nicht alles. Ich war klar überfordert, ließ es mir aber nicht anmerken. Mein Gesicht glühte, das würde aber sicher niemand sehen.

Chris blätterte es andächtig durch und präsentierte mir jede Seite, dazu kommentierte er die Szenerie. “Heftig, was?” Ich fands auch heftig, aber nicht geil. Naja, schon ziemlich irgendwie geil, aber vor allem eklig. Ich fands außerdem gemein, dass er dem Inder das Wichsheft geklaut hatte und sagte das auch.

Das fand Chris nicht so gut und verstaute die Reliquie wieder in ihrem Schrein, ohne sie ganz vorzuführen. Dann hatte er plötzlich keine Zeit mehr. Die Audienz war beendet.

Sowieso hatte er dann erstmal keine Zeit mehr.

Ein paar Wochen später kotzte ich mein erstes Bier über den Rücksitz des neuen Mercedes Kombi von Chris’ Vater, was unsere Freundschaft merklich abkühlen ließ.

  1. Eigentlich war ich gar nicht unsportlich, ich war im Schwimmverein und einigermaßen gut, aber das zählte nicht richtig. Wenn es nicht mit Bällen stattfand, war es kein respektabler Sport []
  2. Hey, immerhin habe ich die Namen geändert! Trotzdem riskiere ich hier grade mein Leben und meine unsterbliche Seele. Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen. []

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Ich habe einen kleinen Kommentar bei Mayla geschrieben und dabei mehr oder weniger der Frage ausgewichen, in welche “Schublade” ich mich einordnen würde – Schubladen für Männer übrigens.

Ich habe mich also mehr oder weniger geschickt vor einer direkten Antwort gedrückt.

Nicht, dass Schubladen nicht manchmal hilfreich sind, gerade wenn man gerade gefrustet und wütend ist und mal reinen Tisch machen will, da ist dann alles ordentlich untergebracht. Aber ich mag nicht einsortiert werden, ich steck ja auch keine Frauen in Schubladen; die stelle ich höchstens dann und wann mal auf ein Podest. Dann will ich auch nicht in irgendeine Kategorie eingeordnet werden, am allerwenigsten von mir selbst. Meine Mitmenschen können mir aber gern eine eigene Schublade basteln, ich spende gern Holz, Nägel und etwas Flauschiges, um damit die Innenseite auszukleiden.

Und dann, für die Beschriftung, ein Etikett mit der Antwort auf die Frage: Was für ein Mann will ich gern sein? Einer, der das Vertrauen und die Zuneigung wert ist. Trotz all des unschmeichelhaften Krams, den ich nicht leugnen kann. Ich bin nicht sicher, ob ich das bin1: Liebenswert im wahrsten Sinne und nicht das Gegenteil davon; nicht dieser “Typ knuddeliger Tierkumpel der Hauptfiguren in Disneyfilmen”? Ich wärs gern – jemand der es wert ist, sei es in Freundschaft oder anderweitig – vielleicht zu sehr. Hmm. Ich will mich morgens noch im Spiegel anschauen und danach den Tag ohne permanente Übelkeit überstehen können. Das geht auch, weitgehend. Da ist nur eine Sache, die mir seit Wochen schwer im Magen liegt und die ich gern ganz aus der Welt hätte; ich weiss nur nicht, wie. Das ist alles so kompliziert.

Ich höre besser auf, sonst schreibe ich noch ein paar weitere Antworten auf eine Frage, die ich gar nicht beantworten wollte. Tatsächlich wüsste ich selber gern, was man von mir erwartet.

Die Antwort auf die Schubladenfrage fällt mir enorm schwer und ich fürchte, ich habe keine, selbst wenn ich noch Wochen probieren und suchen sollte. Andere Leute können sich scheinbar in einem lockeren Kommentar zusammenfassen; das bringt mich zum grübeln.

  1. nicht: sich irgendetwas zu erschauspielern oder zu erschleimen []

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Wenn man morgens unbedingt einen wirklich großen Fehler machen will, dann muss man nur den Fernseher einschalten. Zwangsläufig achtet man mehr als üblich auf die Werbung, um sich vom eigentlichen Programm abzulenken und kurz bevor man mit Sicherheit auf eine deutlich bessere Idee kommt, die ich grade umgesetzt habe und nun mit euch teilen möchte: Abschalten.

Vorher aber habe ich Werbung für das neue koffeinhaltige1 Shampoo der Firma Alpecin gesehen.

Es geht darin um Haare, die sich mit den Jahren verändern und – nein, nicht etwas dünner oder grauer oder gar weniger werden, es geht auch nicht um Spliss oder die gefürchtete Strohigkeit. Oh Nein.

Es gilt mit diesem Elixir zu verhindern, dass die Haarpracht abschlafft.

Abschlaffendes Haar. Grauenhaft!

Interessante Wortwahl. Mir war eigentlich nicht bekannt, dass Haare so etwas überhaupt können. Daher hatte ich bisher auch noch keine Angst davor. Eventuell kann ich das ja nachholen.

Ich verrate euch natürlich nicht die Zielgruppe dieses Produktes. Als kleine Hilfestellung: Es sind weder junge Frauen, Frauen mittleren Alters oder ältere Frauen. Auch keine Kinder, keine Jungs und keine Mädchen. Es ist eine andere Sorte Mensch, die Gerüchten zufolge tatsächlich Alpträume vom Abschlaffen haben soll. Ich dachte zwar immer, dabei ginge es um andere Körperteile, aber … nun, wie bereits gesagt, ich lerne ja immer noch dazu.

  1. Es ist Morgen, da passt das Koffein immerhin ins Zeitfenster. Ich nehme es allerdings immer noch bevorzugt als Heißgetränk zu mir. []

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Als ich in die siebte Klasse kam, war ich fast ein Jahr nicht ein einziges Mal auf einer Geburtagsfeier außer meiner eigenen, was sicher für jeden ehrgeizigen Teenager ausgesprochen peinlich sein musste. Für mich aber war es eine Katastrophe, weil ich so ständig allein zuhause hockte. Keiner mochte mich, da war ich mir sicher. Oder besser, keiner kannte mich, weil ich sehr schüchtern war und auch niemanden die Chance gab, mich kennenzulernen. So blieben die Einladungen aus. Das war eine Theorie von vielen.
Für mich war klar: Jeder wurde eingeladen, nur ich nicht. Wobei das nicht ganz stimmte: Zwei andere Jungs wurde auch nie mit handkopierten Kärtchen bedacht Das waren auch genau dieselben, die mich seit Jahren Mal erfolglos gebeten hatten, ihre Parties zu besuchen. Sie zählten also nicht.

Der eine war groß und dünn und hektisch. Er trug dicke, milchige Brillengläser und wenn er in Panik geriet, dann schwitzte er so wie ich vorm ersten Mal schwitzen würde. Dieser Junge – ich nenne ihn einfach mal Florian – lebte eigentlich immer am Rande der nächsten Panikattacke, als deren Begleiterscheinungen nicht nur erhöhte Schweißbildung, sondern auch Stottern und unbeholfene und damit unfallträchtige Gewalttätigkeit auftraten. Florians Mutter und er selbst waren sich in der Ansicht einig, dass seine Hochbegabung ungerechterweise nicht als solche erkannt wurde, sondern dass man sie als Arroganz fehldeutete und er so ausgegrenzt wurde. Ich hatte bereits in der Grundschule neben ihm gesessen und jede Stunde gehasst. Er erinnerte damals schon an einen erfolglosen Versicherungsvertreter kurz vor dem Amoklauf. Florian wurde später Versicherungsvertreter, hat aber meines Wissens nach bisher niemanden umgebracht.

Der andere Junge – Gerd- war ebenfalls Brillenträger, ganz und gar nicht dünn, dafür aber laut und reizbar. Er hatte eine Vorliebe für deutsche Autos, die Geschichte der Wehrmacht und Germanentum im Allgemeinen. Gerd wollte unbedingt Offizier werden, aber wir waren uns damals schon ziemlich sicher, dass er dafür einfach nicht fit genug war. Ausgesprochen hätte das keiner, Gerd neigte zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen. Nicht dass Gerd nicht kräftig war. Er konnte beim Völkerball von einem Ende der Halle aus so heftig an die gegenüberliegende Wand fetzen, dass er die ganze Strecke wieder zurückflog. Er mochte niemanden, weil ihn niemand mochte. “Gerd”, sagte ich einmal, “seid doch einfach mal nett zu den Leuten.” – “Was, warum das denn? Sind die etwa nett zu mir?” Florian war immer noch bedeutend klüger als Gerd und erinnerte diesen bei jeder Gelegenheit daran; gleichzeitig hatte er aber aus gutem Grund Angst vor dessen Berserkertum. aber sie teilten eine gemeinsame Vorliebe für das Sportschützentum und in einen so kleinen Dorf wie meinem musste man als Außenseiter die kleinsten Gemeinsamkeiten nutzen, um nicht ganz allein zu sein. Es gab ja immerhin wenig Alternativen, wenn es um das Freundschaftspersonal ging. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Die Familie ist irgendwann weggezogen; in seinem Fall würde mich aber nicht überraschen, dass er wirklich mal jemanden umgebracht hätte.

Florian hatte mich also wieder einmal eingeladen. Ich hatte damals genau wie er einen Atari ST Computer und mehr Ahnung davon, was mir neben Respekt auch ein paar Reparatureinsätze einbrachte – und diese Einladung.

Ach, was sollte schon passieren. War ja nicht so, dass ich unter einem Übermaß an Terminen litt. Ich sagte also zu und ging später sogar hin.

Wir drei saßen auf der Terrasse und warteten auf Florians neue Freundin, die er uns vorstellen wollte. Bleierne Stille. Gerd und ich bekamen Hunger. Gerd wurde knurrig, ich langweilte mich, langsam wurde es auch wirklich peinlich und ich begann mir Ausflüchte für einen schnellen Abgang zurechtzulegen. Nach etwas einer Stunde ließ er seine Mutter bei ihr anrufen, was der Party auch keinen neuen Anschub gab: Mutter Florian kam hochnervös zurück und verkündete, was ich erwartet hatte: Die Freundin würde nicht kommen. Sie hätte ja auch gar nicht fest zugesagt, “Das wusstest Du doch, Florian!”

Dieser wurde dunkelrot und begann heftig zu schwitzen. Die Suppe lief ihm in mäandernden Bahnen die Schläfen hinab. Glücklicherweise hatte seine Mutter reichlich Kuchen mitgebracht, das entspannte die Lage. Den vertilgten wir zu dritt, bis wir vollgefressen und einigermaßen zufrieden in der Hollywoodschaukel hingen. Gerd erzählte etwas über den zweiten Weltkrieg und wer die besten Soldaten hatte und was sein Opa alles erlebt hatte. Er fuchtelte mit den Armen und ereiferte sich aufs Munterste. Florian und ich hörten nicht richtig zu – wie immer, wenn er diese Phase hatte. Hauptsache, das Thema Freundin war vom Tisch.

“Ich habe noch was zum knabbern”, verkündete das Geburtstagskind plötzlich, verschwand kurz und kehrte mit einer kleinen Schale mit grünen Inhalt zurück. Grüne, frische Peperoni.

Er nahm eine herrschaftliche Pose ein und schnappte sich eine, die er dann demonstrativ verputzte.

“Pi-kant. Solltet ihr auch probieren. Wenn ihr das abkönnt.”

Er starrte erst Gerd an, dann mich. In die Augen. Unerbittlich und seiner Überlegenheit vollauf bewusst. Ein stählerner Blick unerschütterlicher Schärferesistenz. Einen Moment lang herrschte – richtig – bleierne Stille.

“Bedient euch doch.” Er griff zu. Wir anderen auch. War doch klar. Als Männer!

“Oje”, dachte ich, “die ist aber wirklich scharf.” Die Scharfe brannte sich wie glühende Magma einen Weg durch meine Innereien und trieb mir die Tränen in die Augen. Das ignorierte ich, so weit es ging – aber mein Körper gehorchte mir nicht und ließ weiter weinen. Trotzdem langte ich noch einmal in die Schüssel.

“Doch.” Meine Stimme zitterte fast gar nicht, da war ich mir sicher. “Lecker. Etwas … süß, oder?”

Ich kam mir albern vor und schaute nach rechts, um nicht weiter in Florians beschlagene Brillengläser starren zu müssen. Gerd war knallrot im Gesicht. Er hatte seine Schote wieder weggelegt, nachdem er vorsichtig an ihr geschnuppert hatte. Ich ahnte, dass bald er in einem Atompilz verletzten germanischen Stolzes explodieren würde. Der Dampfkessel war an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt und gleich müsste das Ventil nachgeben – das, oder die gesamte Neubausiedlung würde einem gewaltigen Krater weichen. Gerd musste einfach jemanden verprügeln oder anschreien.

Florians Schläfen glichen Gebirgsbächen zur Zeit der Schneeschmelze und seine Brille war vollständig beschlagen. Er verschlang eine weitere Peperoni, dann noch eine und grinste mich an, während eine Wolke seiner leider nicht geruchlosen Ausdünstungen sich in meine Richtung aufmachte.

“Noch eine? Du hast doch wohl noch nicht genug, oder? Sei ein Mann.”

“Nein.”

“Was, du bist eine Memme?”

Gerd knirschte neben mir hörbar mit den Zähnen. Er war zwar nicht angesprochen, aber er wusste schon, wo er sich einzuordnen hatte. Das gefiel ihm nicht. Das war ein neues Geräusch für mich, ich hätte aber auch ohne dieses Erlebnis weiterleben könnten. Ich bekam allmählich so richtig Muffensausen. Etwas musste geschehen.

“Ist mir scheissegal, was du denkst. Ist doch total bescheuert, was ihr hier macht. Ich gehe nach Hause.”

“Weichei.”

“Arschloch.”

Ich sagte nichts weiter, ging aber trotzdem und war seltsam stolz auf mich. Florian sollte mir dankbar sein, immerhin hatten wir beide etwas davon: Ich musste mir den Blödsinn nicht mehr geben und zweitens war ich nun die größte Memme von allen, über die sie sich nun ihre Mäuler zerreissen konnten – Gerd würde nicht einmal Florian alle Knochen brechen müssen. Irgendwie echt heldenhaft, dachte ich für zwei Sekunden. “Ach was”, dachte ich. “Ich bin vor den größten Verlierern der ganzen Schule weg gelaufen.” Ich bereute jedenfalls nichts, außer jemals diese Einladung angenommen zu haben.

Ich habe nie wieder groß mit den beiden gesprochen. Florian sah ich noch Jahre später hin und wieder, wie er in seinem schlechtsitzenden Anzug durch die Stadt hetzte. Gerd tauchte nie wieder in meinem Leben auf. Vielleicht bastelt er irgendwo in Südamerika an einer künstlichen Herrenrasse vollkommener Soldaten, um irgendwann Rache an der Menschheit im Allgemeinen zu nehmen.

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