nacht

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Es ist nach Mitternacht und ich bin unterwegs, nach Hause.

Ein haariges Blatt streift durch mein Gesicht und läßt die Haut eine Kreuzung lang kribbeln, bis es langsam vergeht und vergessen wird. Es ist warm, fast schwül, ich fühle den rauhen Stoff meines Hemdes auf der Haut, spüre wie es sich bei jedem Schritt bewegt.

Wie warm die Nacht ist, wie sie dich umfängt und nichts mehr so hart und grell aussieht wie am gnadenlosen Tag.

Ein Bulli startet neben mir und fährt nach einigem Lenkradkurbeln davon, der kleine Bildschirm des Navigationsgeräts spiegelt sich im Heckfenster wider.

Das Motorengeräusch stört die Stille nur eine kurze Weile, dann ist das leise Rauschen wieder da, es verstummt niemals in dieser Stadt.

Für den Moment bin ich ganz da und denke an die Stadt und den Sommer und an ein Herz und an ein Lachen neben mir.

Ich trinke die Farben der Nacht.

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Ich gehe freiwillig zu Fuß obwohl es eine halbe Stunde dauern wird. Die eisige Luft gefriert scheinbar in meinem Gesicht und unter der Haut spüre ich das Prickeln; ich bin also doch noch lebendig. Schau mal einer an.

Das Wetter ist so widerlich, das man den Weg ohne Musik im Ohr nicht schaffen könnte, denn nur so bekommt man je nach Stück den richtigen Schwung, um mit großem, halb geschmeidigen Schritt die großen Pfützen Tauwasser und die Berge aus Schneematsch zu vermeiden und dabei noch unverschämt lässig auszusehen. Leider sieht das niemand, die Leute fahren aus gutem Grund lieber mit der S-Bahn oder sogar mit dem Bus, manche mit dem Taxi.

Der Matsch liegt auf einer Rutschbahn aus festgetretenem, wiedergefrorenem Schnee, ich spüre es glatt unter meinem Füßen und konzentiere mich, zuerst auf das Gleichgewicht, dann auf die Musik aus meinen Ohrhörern.

Die erste Band ist gerade fertig; ich bekomme noch mit, dass der Sänger “unkontrolliert” singt und die Band so gar nicht danach klingt. Leider.

Das übliche Publikum treibt sich herum, ein paar jüngere und ein paar ältere Archetypen, schließlich handelt es sich um ein Benefizkonzert:

- Der hastige ältere Herr in Cashmere-Mantel und passendem Schal, der rastlos seiner Dame einen Weg durch die Massen bahnt, was eigentlich gar nicht notwendig ist, schließlich macht jeder bereitwillig Platz. Er scheint nicht ganz zu wissen, was hier seine Rolle ist, auf jeden Fall fühlt er sich nicht wohl: Die Situation ist nicht unter seiner Kontrolle und er hasst es sichtlich. Vor allem, weil seine Frau es merkt.

- Der langhaarige, große Typ mit dem leeren Blick. Seine haare sind offen, seine viel jüngere, viel kleinere Freundin schmiegt sich an ihn und scheint ihm etwas zu erzählen, aber er hört ihr gar nicht zu und der Musik schon gar nicht. Manchmal schaut er in ihren viel zu tiefen Ausschnitt. Das Mädchen hält ihn, die Arme hinter sich, seine eigenen hängen einfach nur herab.

- Die Frau mit dem Strickponcho, der bestimmt aus fair gehandelter Alpakawolle gemacht ist. Man sieht das Geld und sie ist sonst nie hier. Sie lächelt ständig.

- Die kleinen Nachwuchsrocker und Nachwuchspunker und Nachwuchsindiepenner, die mich an mich erinnern, wild und besoffen und total lustig sein und alles besser wissen und total behämmert noch dazu. Als ich mit Konzerten anfing, bekam ich allerdings schon Bier, das war anders.

Die Musik war eben so, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist – nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, so nebenher. Man geht ja sowieso eher hin, um Leute zu sehen und möglicherweise von ihnen auch wahrgenommen zu werden.

Einer tritt auf die Bühne und erzählt, wie toll das Publikum ist, weil man die 5 Euro bezahlt hat und dass man auch recht viel trinken soll, damit Haiti mehr Spendengelder bekommt. Haiti wieder heil saufen, das ist mal ein Konzept.

“Ihr seid so super!”

Ich habe Leute gesehen, die sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Wirklich. Wörtlich. Körperlich.

Natürlich hätte man auch den enormen Beitrag von 5 Euro einfach spenden können und danach zu einem Konzert von einer der kleinen Bands gehen können, die auch mal etwas Geld brauchen.

Dann kam so eine Band, von der ich überall hörte, sie wäre “lustig” und “Kult”, beides Alarmsignale höchster Stufe. “Lustig” bedeutet meistens das genaue Gegenteil und “Kult” bedeutet fast immer “nicht besonders gut, aber die Leute wollen es einfach gut finden und das solltest du besser auch, wenn du dazugehören willst.”

Aber ich sage ja nichts. Wenn man nicht drüber lachen kann, fühlt man sich sowieso wie auf einem anderen Planeten als die amüsierte Menge, das reicht schon aus.

Danach kam Reggae mit einem Sänger von hier, der in gestelztem Patois über seine Fähigkeiten als Liebhaber sang. Immer wieder.

Reggae macht mich jedes Mal müde.

Und ich habe mich verzogen, wieder raus in die Kälte.

Wenn der graue Matsch wieder gefroren ist und das Licht aus den Straßenlaternen im richtigen Winkel darauf fällt, dann funkelt er wie ein Schatz aus abertausenden Diamanten. Vielleicht sind es auch erstarrte Sterne. Wusstet ihr das?

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Damals hatte ich sie schon ein paar mal gesehen, an jenem Abend in dieser klinischen kaputtrenovierten Disko, die nun stylisch und komplett leblos was, worüber auch der enorme Andrang nicht hinwegtäuschen könnte. Die Leute waren auch ganz schön leblos, daher fielen die wenigen Ausnahmen besonders auf.

Sie fiel auch auf, weil sie zu roten Lippenstift, Netzstrümpfe und einen überaus kurzen Ledermini trug; dazu eine zu enge Korsage und Pumps; das meiste davon absolut unfallträchtig auf verschiedenen Ebenen: Sie wirkte etwas unbeholfen und stolperte und schlingerte. Nicht, dass sie so besonders wenig anhatte, immerhin beherrschte die Gruftiszene den Laden.

Es war nicht so, dass ich nur versehentlich hingeschaut hätte. Nun, das erste mal vielleicht schon. Danach nicht mehr, ich hatte ja auch sonst nicht viel zu tun, ich war allein da und blieb es auch.

Sie hatte lange Haare und zwei kaninchenhafte Nagezähne, mit denen sie plötzlich gar nicht mehr nur sexy und unnahbar, sondern ausgesprochen … lieb wirkte. Jahre später sollte ich sie kennenlernen und genau das war sie auch wirklich: Lieb. Und fast verheiratet. Ihr Name allerdings … passte schrecklich gut zu dem altmodischen, aber gerade in diesem Moment sehr appetitlichen Netzstrumpfklischee. Ich nenne ihn hier nicht, aber es war selbstverständlich ein französischer Name, den man gut hauchen oder schnurren kann.

Bald verlor ich sie aus den Augen; eine Menge Leute waren fest entschlossen, ihr Drinks auszugeben und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da wäre ich wohl irgendwann an 20ster Stelle an der Reihe gewesen. Wenn ich mich getraut hätte. Ich ging umher und langweilte mich einige Stunden, bis ich frustriert genug zur Aufgabe des Abends war.

Dann ging ich, noch dazu völlig nüchtern. Manche Abende … man kennt das ja. An solchen Abenden regnet es meistens. An diesem hatte es bereits gegossen und die Feuchtigkeit war grade dabei, zu einer festen Schicht Eis zu gefrieren. Ich stellte mich auf eine längere Heimfahrt im Schneckentempo ein.

Sie stand auf dem Gehsteig und versuchte, nicht mit ihren High Heels umzuknicken. Offensichtlich total besoffen. Warum war die allein? Die konnte nicht allein sein, weil diese Konstellation gegen eine ganze Reihe von bewährten Naturgesetzen verstieß. Ich dachte daran, sie nach Hause zu fahren – aber ich kannte sie doch gar nicht! Die würde mir bestimmt ihre nicht kleine Handtasche (die war schwarz und war mit harten Nieten besetzt) um die Ohren donnern und die ganzen Arschlöcher hier in der Gegend würden sich gut amüsieren.

Andererseits.

Wenn sie nun allein versucht nach Hause zu gehen, dann wären da die ganzen Arschlöcher aus der Gegend. Und sie, ganz allein und voll wie ne Natter.

Ich dachte an mein Auto, in dem meine warme Jacke lag und seufzte lautlos, dafür aber innerlich um so tiefer. Dann ging ich mit großem Abstand hinter ihr her. Ich fühlte mich nicht gerade ritterlich, dafür aber war mir saukalt und wie ein … genau, ein ‘Stalker’, obwohl ich den Begriff da noch gar nicht kannte. (“Schwein”? “Perversling”?). Ich war etwas neidisch auf die angeschickerte Schöne. Die spürte garantiert gar nichts von der Umgebung, solange sie sich nicht den Knöchel brach. Was gerade in diesem Moment, wie es aussah… nein, doch nicht, ein Glück.

So ging es eine gute halbe Stunde, eine gefühlte und endlos durchgebibberte Woche.

Sie wurde irgendwann langsamer und blieb stehen. Sie drehte sich sich plötzlich wackelig herum und schien zu blinzeln, sich zu orientieren. Dabei hätte sie beinahe ihre gefährliche Handtasche verloren, die an einem einzelnen Träger am einen ausgestreckten Arm baumelte, als Gegengewicht, denn sie musste sich vorbeugen, um das Schloss der Tür zu treffen. Falls sie – die Tasche nämlich – fallen sollte, dann hätte ich sie aufheben könnenund dann, dann würde ich sie ansprechen. na gut, sie hatte in diesem Moment endlich ihr Schloss getroffen und war kurz darauf in der Wohnung verschwunden.

Ich? Mir war immer noch kalt und ich machte mich eilig auf dem Weg zum Auto. Immerhin bekam ich viel später ein Bier von ihr ausgegeben. Ein Becks, immerhin.

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Unterwegs

Gerade bin ich heimgekommen, habe ich mich ins Bett verkrochen, die treue weiße Datenschleuder kuschelt sich dazu und ein paar Zeilen müssen noch abgesondert werden, bevor ich das Macbook zuklappen und einschlafen kann.

Inzwischen mag ich das, unterwegs sein, vor allem nachts, wenn die genervten und nervenden Raser alle pennen und ich in meinem kleinen roten Gorgmobil über die westfälischen Autobahnen und Landstraßen dieseln kann.

Ich mag das Ruhrgebiet, die beleuchteten unglaublichen Schornsteine sind wie Ufos, wenn die Steine und Stahlkontruktionen von der Nacht ausradiert worden sind und endlich Platz für Phantasie da ist, um die Lücken mit Spinnerei zu füllen.

Wenn ich die Ortsschilder lese, dann denke ich an meine Freunde, Leute die ich sehr mag und die wohl nun schlafen1 – das ist mir egal, ich will auf das Dach des Wagens steigen und mit einem Megaphon und der gorgmorgischen Flagge aufs Aufdringlichste grüßen, ihre Namen rufen, damit sie wach sind und mit mir trinken und lachen bis zur offensichtlichst möglichen Fahruntüchtigkeit.

Das Auto schluckt nicht etwa Diesel, wenn die vorherige Formulierung solche Annahmen nahelegt, dann tut mir das leid – noch weniger frisst es Kilometer. Das Gorgmobil wird angetrieben von purer Zeit und hinter uns kommt nur noch der Gestank verbrauchter Zeit und sentimentaler Weinerlichkeiten raus – nein, wir schauen lieber nach vorn, auf das was kommen mag und sehen den Minutenzähler wandern in seiner unerträglichen Langsamkeit während wir weiter eilen, schneller als das Licht.

Zukunft wird zu Gegenwart und hinter uns übelriecht die Vergangenheit.

  1. Nun, ihr vielleicht nicht, aber ich mag euch auch. []

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