Photo Credit: Andreas Helke
Manchmal dürfen Leute mein Mobiltelefon in die Hand nehmen, darauf herumtippen und ein oder vielleicht zwei Personen ist es sogar erlaubt, das kleine elektronische Adressbuch zu durchforsten. Da bin ich nicht so, weil mein Herz erfüllt von Liebe und Vertrauen ist. Keine Ausnahmen gibt es allerdings, wenn es um Besuche in meinem Keller angeht: Niemand darf dort hinein. Höchste Geheimhaltungsstufe.
Vielleicht kann ich durch diesen Beitrag die zukünftigen Besichtigungswünsche auf Null reduzieren, in dem ich berichte, was es dort zu sehen gibt. Man findet dort einige Flaschen Wein und durchaus auch einen gesunden Lagerbestand an Bierflaschen – die meisten bedauerlicherweise leer und bereit, irgendwann einmal zwecks Rückerstattung des Pfandes die Treppe hinauf geschleppt zu werden. Dies wird gestehen, wenn ich von Hunger und Krankheit gebeutelt werde und sonst ein schreckliches Ende droht. Die Flaschen und Getränkekisten stehen da schon recht lange. Außerdem: Einige gelbe Säcke, die ich immer schonmal der nächsten Abholung mitgeben wollte, es aber immer wieder vergessen habe.
In erster Linie aber ist dort ein Berg aus Verpackungsmaterial zu finden. Eine beeindruckende Auswahl von Umzugskartonage über TV-Verpackungen, Kisten die einst Computerausrüstung enthielten, dazu eine Menge perfekt angepasster Styroporteile. Natürlich nur, damit ich im Garantiefall oder Weiterverkauf „Orig. Verp.“ bei einem Internetversteigerungshaus meiner Wahl in die Beschreibung tippen kann – genau. Das behaupte ich jedenfalls vor meinem hirn-internen Gerichtshof, den man auch Gewissen nennen darf.
In Wirklichkeit hätte ich den Mist längst zerkleinern und in die Papiertonne stopfen sollen. Wenn wir – hier unter vier Augen – mal ehrlich zueinander sind.
Früher hätte es das nicht gegeben.
Jedenfalls nicht bei meinem Opa. Mein Opa hat in einer Siedlung gelebt, die bei guten Wetter kaum zu erkennen war. Bei gutem Wetter – das gute Wetter musste dabei unbedingt Westwind enthalten, damit die Frauen sich nicht beschweren – konnte man schon aus der Ferne die Rauchzeichen erkennen, die nur eines bedeuteten: Opa verbrannte grad mal etwas. Das taten alle Opas gleichzeitig bei jeder Gelegenheit. Angeblich, weil Ordnung ja sein müsse und die Mülltonne ja sonst viel zu voll wäre und die Müllmänner dann meckern könnten. Die Wahrheit war: Alle Opas meiner Kindheit waren ebenso unreflektierte wie leidenschaftliche Pyromanen, die alles im Augenblick unnütze Zeug auf den Acker verbrannten. Der Acker war ein Stück Gartenfläche, die nur diesem einem Zweck vorbehalten war und dieser Zweck hatte nichts mit Ackerbau zu tun.
Sie verbrannten Zeitungen, Laub, Lenor-Weichspülerflaschen („Bleib wech vom Rauch, Junge, wegen Blausäure und so“), Plastiktüten und die umfangreiche Fix und Foxi – Sammlung meines Onkels, die dieser in der Folge noch jahrelang auf dem Dachboden suchen würde. Ich wusste natürlich Bescheid: Wenn es brennbar ist und Opa keinen Sinn in einem Gegenstand sah, war dessen Schicksal besiegelt. Wie er da so stand – den Blaumann an, den Hut auf dem Kopf, die Forke in der Hand. Eine heroische Gestalt, mein Vorbild.
Die Nachbarsjungen und ich fanden das natürlich cool. Mit Feuer zu spielen war schließlich ganz und gar nicht im Sinne meiner Eltern und daher war mein Großvater ein Verbündeter beim. , wenn es darum ging, mal schnell Streichhölzer oder ein Feuerzeug zum Start eigener Abfackelungsprojekte auszuleihen. Wir bauten eigene Hochöfen aus Backsteinen. Dafür wurde der eigentlich total interessante Sandkasten hinter dem Komposthaufen verwendet. Der Wahnsinn, wenn so ein Schornstein richtig zog. Das fühlte sich so… befriedigend an.
Wir experimentierten auch mit eigenen Rauchmitteln – Zigaretten rückten die Opas nämlich sehr zu unserem Missfallen nicht heraus. Leider waren die Versuche mit Selbstgedrehten aus Papier, Moos und Ulmenblättern so unerfreulich und tränenvoll, dass ich zum einem lebenslangen Nichtraucher wurde.
Heute darf man ja nichts mehr verbrennen, wegen dem Klima und so. Erst hat man alles verboten, was kein trockenes (nicht etwa feuchtes!) Laub war, dann wurde auch das untersagt. Mein Opa ist schon lange tot, und seine Kumpel aus der Nachbarschaft auch. Die wären auch nicht mehr glücklich geworden mit dieser schrägen Welt.
Nun habe ich durchaus Verständnis für Klima- und Umweltschutz – und ich bin sicher, die in den Laubhaufen lebenden Kleintiere leben heutzutage entspannter und länger ohne die Aussicht auf einem schrecklichen und unausweichlichen Flammentod.
Aber was ist mit den Pyromanen, die nun ein freudloses Dasein führen müssen – ihr große Leidenschaft – von der Gesellschaft verachtet – ohne jede Chance, ausgelebt zu werden?
Ich denke an die brennenden Müllcontainer der Bielefelder Innenstadt, die im letzten Jahr die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten. Ich denke danach an meinen Opa. Das hätte vielleicht auch er sein können – ein von allen verfolgter Brandstifter (Aber er hat ja ein Alibi).
Denk doch auch mal an die unterdrückte – aber keineswegs kleine – Minderheit, die in ihrer Lebensführung so herzlos eingeschränkt wird.
Schau dich um, vor allem tief in dein Herz: Die Menschen, die du am meisten liebst, sie könnten so sein wie mein Opa und am liebsten würden sie schon morgen einen Haufen Wellpappe in Brand setzen. Vielleicht sind Reservate die Lösung? Oder – legalisiertes Abfackeln, mit einem ärztlichen Rezept? Merke: Osterfeuer sind nicht genug.
Da könnt ihr jetzt mal drüber nachdenken.



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