Manche Leute sagen, dass ich ein einigermaßen höflicher, vielleicht sogar zuvorkommender Mensch sei. Außerdem bin ich vermutlich einigermaßen tolerant, das bilde ich mir jedenfalls ein. Ganz sicher habe ich ein dickes Fell, allein schon von Berufwegen. Man sollte also glauben, dass mich so schnell nichts menschliches mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Man glaubt richtig – natürlich bin ich unerschütterlich, ein ruhender Pol im rastlosen Weltgeschehen, ein helles Licht des gesunden Menschenverstandes und nicht zuletzt ein Fels überlegener Moral.
Außerdem bin ich weithin bekannt für meine Bescheidenheit.
Nur manchmal gibt es ein paar sehr kurze Momente, in denen ich meine Fassung zu verlieren scheine. Natürlich tue ich nur so1.
Gestern war ich auf dieser kleinen, intimen Feier mit zirka ein paar hundert Gästen. Ich hatte mich in einem seltenen Moment der Schwäche zum Getränke holen überreden lassen; weil mich meine Freunde und Bekannten wirklich gern haben, ließen sie mich nicht etwa Flaschenbier, sondern Weißwein holen. Im Glas. Drei oder vier davon, dazu eine Orangina für mich, den bedauernswerten Fahrer. Es dauerte natürlich nach der Wartezeit Ewigkeiten, die Gläser und größere Teile des ursprünglichen Inhalts durch die Menschenmassen zum jeweiligen Adressaten zu transportieren. Als ich ankam, war meine Orangenbrause bereits durch plötzlichen Ellenbogen- und dann Bodenkontakt vernichtet worden. Die Übeltäterin, eine sonst nicht weiter auffällige Person, kicherte mich an und bekundete, dass das aber wirklich dumm für mich gelaufen wäre. Und: Ups, das sagte auch noch.
Ich stellte mich da einfach mal hin und wartete ein, zwei Minuten. Aber nö, sie brachte mir keine neues Fläschchen. Sie entschuldigte sich auch nicht. Sie räumte auch nicht die Scherben weg, die da sehr unschön auf einer Sitzfläche lagen. Mein Job, vermutlich. Genauer gesagt hatte sie mich offensichtlich vergessen und begann sich angeregt zu unterhalten.
Ich wartete weitere ein, zwei Minuten und dann war der Moment gekommen, den täuschend echten Eindruck zu vermitteln, ganz kurz vor dem Verlust meiner Fassung zu stehen.
Aber sie schaute nicht einmal hin. Ich erwähnte kurz, dass ich ja eigentlich auch ganz gern mal eine Entschuldigung gehört hätte und ob sie denn wenigstens die Scherben aus dem Weg räumen könnte, bitte schön. Ups, sagte sie. Und kicherte.
Ich war grandios gescheitert und verließ den Ort der Niederlage, um mir was gegen den Durst zu organisieren. Als ich wiederkam, war die Person weg und meine Leute teilten mir mit, dass sie die Person weder kannten, sie je zuvor gesehen hätten und ob sie mir zur Rettung des Abends einen ausgeben könnten.
Der Abend nahm einen durchaus erfreulichen Verlauf, bis mir jemand kumpelhaft auf den Rücken klopfte – die Person war wieder da und entschuldigte sich. Sie hätte mir ja glatt einen ausgegeben, aber sie hatte ja kein Geld – und so. Ich beschloss, einfach ihre offenbar frisch angebrochene Pulle Bier zu übersehen und lächelte. Es war nicht so, dass ich mich ärgerte. Sie wirkte auf mich nicht unterhaltsam, fand dafür mich scheinbar hochinteressant und verwickelte mich in ein Gespräch, welches so enorm belanglos war, dass ich mich jetzt beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann. Woran ich mich allerdings erinnern kann, war ihr beachtlicher Durst. Ihre Flasche leerte sich zusehens und ich bemerkte begehrliche Blicke in Richtung meines eigenen Malzbiers2
- Echt, du trinkst Malzbier?
- Ja, sieht so aus, oder?
- Darf ich mal probiern? Hab ich jahrelang nicht probiert. Will gern wissen wie das schmeckt.
Ich weiss auch nicht, warum ich ihr die Flasche rübergegeben habe. Ich weiss nur, dass ich sie leer zurückbekam und ich noch einmal probierte, fassungslos auszusehen. Ich war selten so überzeugend sprachlos. Leider war sie da schon weg gegangen.
Dazu fiel mir dann auch nix mehr ein. Immerhin hatte ich noch Pfand gut, dachte ich auf dem hundertfuffzigsten Weg zur Theke.
Manche Leute.



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