Religion

Artikel mit dem Stichwort Religion.

Ich bin relativ sicher, dass ich so schnell nicht mehr eine so liebe und funktionierende Gruppe von Seminarteilnehmern haben werde wie die letzte – keine Zickereien, kein Streit, keine Grüppchen – und das bei einer gemischten Gruppe, die in erster Linie aus 16jährigen bestand. Es gab Bier und keiner von ihnen wollte es trinken1, man ging freiwillig früh zu Bett – um zu schlafen, was ich sogar geglaubt habe.

Es gibt bei solchen Veranstaltungen eine kleine Liste von Gesprächsthemen, die man besser vermeidet – erst recht eigene Aussagen dazu, wenn man nicht gerade gefragt wird. Ganz oben auf der Liste: Religion.

Man weiss ja vorher nie so ganz, wen man da alles vor sich hat.

Sie reden da also am Tisch darüber, was sie am Wochenende vorhaben und zwei kommen darauf, dass sie mal wieder zusammen in die Kirche gehen wollten, in eine Freikirche, um genauer zu sein; sie hatten gehört, dass der Gottesdienst dort so anders sein soll als gewohnt. Sie haben beide einen osteuropäischen Hintergrund2 und ich hatte nicht erwartet, dass sie so offen waren. Ich und meine Vorurteile. Hat man doch in meinem Job gar nicht, schon aus Prinzip. Sie fragten in die Runde, ob andere gern in die Kirche gehen. Ein paar sagten etwas in der Richtung von “ja, manchmal”; die meisten gar nichts.

Das Mädchen neben ihnen3 schaute geradeaus, sie dachte scheinbar angestrengt nach. Etwas arbeitete in ihr, ein Gedanke kreiste machtvoll in ihrem Kopf. Dann sagte sie und sie sagte es freundlich: “Ich glaube nicht an Gott. Ich halte ihn für eine Behauptung. Also, ich bin ihm ja nie begegnet und so.”

In solchen Momenten fühlt man sich als Anleiter ganz plötzlich etwas schwach. Du hast stundenlang an Motivation, Gruppendynamik und so weiter gearbeitet und man beginnt langsam zu zählen. Wie ein Sprengmeister. Der Knall muss nämlich gleich kommen, das T-förmige Griffstück ist schwungvoll runter gedrückt worden und die Ladung ist scharf. Die ganze tolle Gruppendynamik fliegt einem dann nämlich sehr bald um die Ohren. Es handelt sich hier um eine verbale Trümmerbombe.

Der Anleiter und Autor dieser Zeilen seufzte innerlich sehr tief; ein Seufzer der Resignation übrigens: Wäre ja auch zu schön gewesen, bisher lieft alles großartig.

Die eine Kirchgängerin schaute rüber und sagte nur “ist doch okay.” Und das wars.

Ich war ganz schön stolz auf sie. Das sollen Erwachsene denen erstmal nachmachen.

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Außerdem habe ich gerade eine Feier geschwänzt, auf die ich eine feine Flasche Wein mitnehmen sollte, eine von der Sorte für Freunde; genauer gesagt eine von denen für ganz besonderen Besuch. Allein schmeckt er zwar auch, aber ich stoße lieber mit euch an.

  1. Na gut, es handelte sich um Herforder Pils. Ich kann es verstehen. []
  2. Die meisten in den letzten Jahren zugezogenen Deutschrussen in der Gegend sind Baptisten und strenggläubig []
  3. wir hatten tatsächlich auch Jungs im Seminar []

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