Liebe Freunde, ich habe vor weniger als zehn Stunden beschlossen, eine neue wichtige Mission auf die gormorgischen Fahnen zu schreiben: Die Rettung gefährdeter Kulturgüter. Ich will dabei helfen, einen mahnenden Finger auf die Schattenseiten unsere schnellebigen Zeit zu richten – ja, wir gehen mit Riesenschritten vorwärts, aber laufen wir so nicht Gefahr, einiges zu verlieren?
Zum Beispiel dereinst geliebte Rituale. Ich denke da zum Beispiel an die Kneipen- oder auch Sauftour. Denkt mal darüber nach: Wie viele von euch haben dieses Jahr schon eine kleine oder größere Runde durch die Lokale der Stadt eurer Wahl – oder besser, der Stadt, die euch keine Wahl gelassen hat – gemacht? Ich will vermuten, nicht allzuviele. Kneipentouren erfordern Planung, Zeit und Geld. Nicht nur muss dafür gesorgt werden, dass autofahrende Teilnehmer sicher nach Hause kommen oder einen passenden Schlafplatz bekommen, auch die Anderen müssen erst einmal gleichzeitig an denselben Ort bugsiert werden. Lacht nur, ihr Studenten: Das fiel euch auch schonmal leichter, damals: Vor Bachelorstudiengängen und anderen neumodischen Widrigkeiten, die ein trinkfreudiges und gleichzeitig soziales (!) Studium nicht unbedingt erleichtern. Vergessen wir auch nicht das Geld: Seit der Euroumstellung macht ja die bösartige Preispolitik der unaussprechlichen Brauereien und ihrer Verbündeten nicht einmal die winzigste Pause in ihrem kneipenfeindlichen Aufwärtstrend.
Man kauft sich also sein Bier im Supermarkt. Notfalls an der Tanke oder im 24-Stunden-Offen-Drugstore – immer noch billiger, auf jeden Fall kulturfeindlich. Das meine ich sogar mal ein wenig ernst.
Klar: Man trifft sich privat, bei Freunden, man trinkt vielleicht sogar fast dasselbe, vielleicht sogar mehr. Aber das ist nicht dasselbe, es geht ja nicht in erster Linie um den Genuß von Alkohol. Nein. Ehrlich? Immer noch nein. Ich sage euch jetzt auch, was dabei an Wichtigem verlorengeht.
Ich finde das schön, das man verschiedene Kneipen besucht, dort vielleicht andere Leute trifft, die man kennt oder auch nicht, mit denen man vielleicht gemeinsam andere Orte besucht, wo man wieder andere Leute trifft, man gibt sich gegenseitig etwas aus, man redet unglaublich wirres Zeug. Man bestellt Drinks. Man holt sie nicht aus einem Regal und bezahlt an der Kasse. Nein, man hat mit Menschen zu tun. Freiwillig. Im besten Fall endet alles gut, meist befriedigend angetrunken – vielleicht sogar unglaublich romantisch. In irgendeinem Bett. Unter einer trockenen Brücke. Oder auf einer bequemeren Parkbank. Möglichst aber wie gesagt in einem Bett eines freundlich gesinntem Besitzers oder einer freundlich gesinnten Besitzerin. Hier könnt ihr euch gegebenenfalls einen anzüglichen Zwinkersmiley einsetzen. Aber auch Solo – Bettnutzung ist aber aus tiefstem Grunde gut. Der Weg dahin – auch gern schwankend- ist eine Sternstunde feinsinniger und inspirierender Konversation. Soweit ich mich – äh – erinnern kann.
Wie viele feine Geschichten sind dort erfunden worden, auf solchen Unternehmungen in diversen Kneipen oder Cafés? Wo sollen die nun herkommen, aus Starbucks Filialen? McCafé? Total lustigen Eventlokalen im Alpinstil? Das ist doch unendlich traurig. Die ganzen tollen Eckkneipen gibt es ja sowieso nur noch in Städten; auf Dörfern und Vororten verschwinden sie langsam, mit fiesen gerichtlich verordneten Öffnungszeiten von pensionierten, zugezogenen Lehrern1 in die Pleite geklagt. Ehrlich, so ist das!
Ohne Kneipen keine Kneipentouren. Ohne Kneipentouren weniger gute Geschichten. Ohne gute Geschichten weniger guter Denis. Und das kann ja wohl keiner wollen, oder? Genau.
Rettet die Kneipentour.
- Ruhebedürfnisse haben die! [↩]


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