Als ich losfahre, wird es gerade ernsthaft dunkel; die Fenster strahlen in weißer Umrandung und sehen dabei viel zu schön aus. Spärlicher Schneefall weht über die Straße; im Radio liest Eva Mattes oder jemand mit Eva Mattes Stimme aus einer schwerblütigen Novelle über Osteuropa, Liebe und Krieg, Pflaumenschnaps und Tod.
Das passt, obwohl ich gute Laune habe. Sie hat eine gute Stimme für die listige Alte in der Geschichte auf Lager.
Es ist saukalt, als ich eilig (weil verspätet) zur Kneipe laufe. Ich schlage also den Kragen meines dicken schwarzen Mantels hoch und ziehe die Mütze tief ins Gesicht. Ein schmaler Spalt bleibt dennoch frei, durch den der Wind einen kleinen Teil meiner Ohren tiefgefriert. Irgendwie ist dann aber alles richtig als ich mein Ziel erreiche. Der erste Kaffee schmeckt so gut wie seit langem kein heißes Getränk mehr, ich habe das Gefühl innerlich zu glühen und werde sehr, sehr wach. Währenddessen versucht mein Gehirn so weit aufzutauen, dass ich den Gesprächen folgen kann; die Stimmbänder folgen mit deutlicher Verspätung. Ich fühle mich dumm, aber doch willkommen. Besser, sich dumm zu fühlen als zu schlau.
Viel später wandern wir ab und gehen wir tanzen, was gut ist und ich führe feine Gespräche, was besser ist, während die Musik ein langes Tief durchmacht. Alles ist noch richtig, nun passe ich da auch besser hin. So ein Gespräch, das genau da jetzt sein stattfinden sollte und dann auch kommt. Ich hätte nur direkt danach fahren sollen, als ich zum ersten Mal verabschiede, aber nein: Ich gehe ja nochmal rein, wie immer, viel zu spät dafür – wie immer.
Und dann bist du raus aus alledem. Alle reden miteinander, tief versunken, oder tanzen zu etwas Schrecklichem und du bist für einen Moment übrig und etwas wie Melanchonie kippt sich über dich aus, eine bestimmte Schwere: Morgen wird sicher einer sich melden und irgendeine üble Geschichte berichten, die du gerade verpasst hast; so etwas liegt in der Luft, das weisst du plötzlich genau, ohne zu wissen warum. Zeit zu gehen; das Gefühl wirst du eh nicht mehr los. Sonst glaubst du noch aus dem Augenwinkel jemanden zu sehen, der unmöglich da sein kann; unmöglich wäre das und viel zu gut und das macht einen fertig, so ein Moment. Also besser los, ab über die vereiste Piste. Nach Hause, die Katze füttern.
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