SNFU

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Man wird mit der Zeit ziemlich vorsichtig, wenn man ein paar Konzerte altgedienter Musiker besucht, die vielleicht ihre besten Zeiten hinter sich haben. Mit etwas Glück ist noch all das da, was man mal an ihrem Kram geliebt hat, auch wenn das nicht mehr so viele Leute hören wollen, egal. Manchmal geht es einfach nur noch um die Knete und das merkt man dann auch; egal wie gut die Show war: Da hatte jemand keinen Spaß. Schlimmer: Wenn da nur noch ein Schatten alten Ruhmes steht vor einem steht. Man sollte niemals Mitleid haben müssen, wenn man zu einem Konzert geht. Fürchterlich.

Das gilt alles doppelt und dreifach für Punkbands, für die mal um mehr als nur um Musik ging und ein paar Ideen wichtiger waren als ein eher überflüssiger dritter Akkord, der den Song auch nur unnötig kompliziert gemacht hätte. Gerade die Mitglieder der frühen Bands aus USA und Kanada hatten ein unglaublich1 hartes Leben, praktisch obdachlos und daher permanent auf Tour, fast immer ohne Geld und manchmal tagelang ohne Essen. Das hinterlässt Spuren an Leib und Seele. Meistens sind es nicht nicht einfach Spuren, es sind eher Krater. Heute ist es nicht mehr so schlimm, und ein paar Gestalten haben durchgehalten, fast alle davon sehen aus wie 90jährige. Du kannst manchmal spüren, dass es die letzte Tour ist, ein bisschen Knete noch, um die letzten Jahre noch rumzukriegen. Ein bitterer Geschmack mischt sich ungefragt ein und versaut einem die Erinnerung. Solche Musik sollte einen nicht traurig machen, wenn man sie hört. Man sollte rechtzeitig aufhören, aber das ist eine große Kunst. Selbst für große Künstler.

Ich hatte also meine Vorbehalte, zum SNFU zu fahren. Die waren großartig, sie konnten spielen, sie hatten tolle Songs und einen absolut phänomenalen Sänger in Mr. Chi Pig himself. Okay, wir gehen hin. Wenn nicht, bereut man es ja sowieso.

Mr Chi Pig läuft die ganze Zeit durch den Saal, über den Hof, überhaupt überall herum, leicht gebückt. Chi sieht inzwischen aus wie eine ausgemergelte Version von Fuzzy, dem uralten Hilfssheriff aus “Western von Gestern”; ihr . Das viel zu weite Hemd schlottert um ihn herum, der fusselige Bart steht ein wenig ab, ein interessanter Kontrast zu seiner gefährlich aussehenden Hakennase. Er trägt eine riesige Fellmütze mit großen Ohren. Ein irrer mongolischer Trapper, dessen Augen unter der Mütze blitzen. Er lacht oft, ein heiseres Rentnerlachen.

Warum er keine Platten mithat, zum verkaufen? Er starrt seinen Merchandisemenschen entgeistert an. “We forgot the fuckin’ music, man! Just T-Shirts, sorry.”

Der Saal ist nach den ersten beiden Bands voll, zum Glück. Die Leute da vorn sind Helden, man will ja auch nicht, dass sie enttäuscht sind. Na gut: Es sind vielleicht nur 1,75 Helden – es ist natürlich nicht die Originalbesetzung. Die Spannung ist trotzdem da, mit den üblichen Vorbehalten. Oh bitte, sie sollten nicht scheiße sein.

Spielen können sie jedenfalls, eine enorme Lautstärke, Chi Pig grinst ein etwas hohles Grinsen unter seine nun immer deutlicher funkelnden augen und legt los. Er hatte früher nicht nur eine gute Stimme, er konnte dazu auch wirklich singen, nichts mehr davon ist da: Er hustet so halb seine Songs heraus, halb brüllt er sie, fast unverständlich, weil er keine Zähne mehr hat. Aber es funktioniert, er macht das locker mit einer rückhaltlosen Charmeoffensive wett, er lacht, nuschelt kleine Witze, die man nur halbwegs versteht. Da ist kein Mitleid dabei, der Mann ist gut, er rangiert weit oben in einer Liga, in der nur er allein Spielberechtigung hat. Springt herum wie ein Derwisch, manchmal würgt er die Besucher in den ersten Reihen freundlich, gelegentlich als Batman oder Schwein maskiert. Er hat seine Würde nicht verloren. Die haben alle Spaß.

Solche alten Knacker können einen ganz schön schaffen. Mein armer Rücken… und überall blaue Flecke…

  1. “Unglaublich” ist hier mal wörtlich zu nehmen. []

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