Sonntag

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Wintersachen

Letzte Nacht träumte ich davon, eine sommerliche Allee entlangzufahren, die anstelle von Bäumen links und rechts von antiken Kleiderschränken umsäumt war. Ich fand das ausgesprochen beruhigend und überlegte, ob es vielleicht legal sei, eines dieser Möbel zu wildern: Bekanntlich fehlt es mir noch an einem passenden Schrank für meine Garderobe. Ich habe der Versuchung nicht nachgegeben, nicht zuletzt deswegen weil ich in diesem Moment aufgewacht bin.

Ich habe gute zehn Stunden geschlafen und draußen ist alles weiß und still. Ich kann mich gar nicht richtig daran erinnern, wann ich das letzte Mal so entspannt war. Ich glaube, ich brauche mal wieder Urlaub.

Jetzt werden Weihnachtspakete gepackt, wenn alles nach meinem Plan geht. Ich freue mich schon. Allerdings müsste ich dann ja aufstehen und… ach, ich bleibe noch etwas liegen und lese etwas. Ist ja Sonntag, oder etwa nicht?

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Wenn es Sonntag ist und schon nach zwei Uhr und man liegt immer noch im Bett und man auf gar keinen Fall jetzt schon aufstehen kann, dann kommen die Gedanken ganz von allein und man braucht sie nur aufzuschreiben, wenn sie vorbeiflattern.

Ich war ganz überrascht, dass ich schon seit Tagen und so auch heute mittag über das Rauchen nachdachte. Wie die meisten meiner Freunde wissen, rauche ich selber nicht, habe nie geraucht und plane auch nicht damit anzufangen – andererseits bin ich auch nicht sonderlich pingelig, was Qualm in meiner Umgebung angeht: Solange es nicht gerade in meiner Wohnung passiert oder ungefragt in einer Nichtraucherkneipe – alles ok. Na gut: Wenn du vielleicht ein klein wenig angetrunken bist und trotzdem unbedingt vor dem metergroßen „Bitte nicht rauchen!“- Schild eine anzünden willst, dann halte ich dich nicht auf – ist nur etwas peinlich, aber wenn ich dich mag, tue ich einfach so als wäre nichts. Seht ihr, ganz undogmatisch.

Natürlich stinkt der Rauch. Normalerweise.

Bei manchen Leuten stinkt er nicht.

Mir ist gerade eingefallen, dass die Frauen in die ich schwer verliebt war, eher gar nichts gemeinsam hatten – bis auf das eine Detail: Sie waren bis auf vielleicht eine Ausnahme wenigstens Gelegenheitsraucherinnen. Das hat mich nicht gestört. Wenn ich mal ehrlich bin, hat es mir sogar gefallen. Natürlich habe ich ein Interesse daran, dass geliebte Menschen nicht krank werden. Natürlich habe ich ein Interesse daran, nicht selber krank zu werden. Ganz zu schweigen vom Gedanken an die Kosten für das Zeug. Die Kettenraucher, die nichts ohne Smog erledigen können. Aber…

… Zusammen spazieren zu gehen und nichts zu sagen. Den Rauch sich mit dem Nebel im Park vermischen lassen. All die Erinnerungen.

Ich geh mal eine rauchen. Hast du vielleicht Lust, mit nach draußen zu gehen?

Am Telefon hören, wie die am anderen Ende der Leitung einen Zug nimmt und dann wieder langsam ausatmet. Das leise Knistern der Glut und sonst: Stille.
Die eine Sache, um die ich die Raucher beneide: Die Gelegenheit, einen Platzhalter anzünden zu können. Zehn Minuten Auszeit. Oder so – ich habe mir nie Mühe gemacht, mir zu merken wie lang eine Zigarettenlänge eigentlich ist.

Zeit, die man nicht weiter begründen muss. Zeit, in der man der Zeit beim Vergehen zuschauen kann. Zeit, die man sich einfach für sich nimmt und in man nicht sprechen, denken, produktiv oder effektiv sein muss1

Ich überlege gerade, ob es eine andere Begründung für die kurze Auszeit vor der Tür gibt. Mir will bislang nichts einfallen, aber ich lasse einfach weiter meine Gedanken vorbeirauschen und wenn die richtige dabei ist, dann lasse ich es euch wissen. Solange fange ich aber nicht mit dem qualmen an. Keine Sorge.

Einen schönen Sonntag.

  1. Eine bekannte schottische Whiskeymarke – ich glaube Glenfiddich – hatte mal von Jahren Werbung, die in die Richtung ging. Die gefiel mir, aber ich glaube es sieht komisch aus, wenn ich mich bei der Arbeit mal kurz für ein Glas Single Malt entschuldige. []

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Was der schwächliche Blogger auf dem Siechenbett schrieb:

Siechenlager

Siechenbett, Bielefeld.

Wie ich schon erwartet hatte: Mir geht es schon wieder besser, mal abgesehen davon, dass mir alle Knochen weh tun; vielleicht sollte ich schon wieder zum Gerippedoktor, ein Gedanke der mich wurmt, fast so sehr wie die ungewischte Küche. Gut, dass keiner davon etwas mitkriegt.

Ich glaube das Fieber ist weg, das muss ich gar nicht messen.

Warum geht es mir besser? Erstens war es vermutlich das entsetzlich sehnige Rindfleich, welches verarbeitet und nebst einem Haufen Gemüse gegessen werden musste – irgendwie heilsam und zweitens, natürlich, die Tatsache, dass ich morgen wieder arbeiten muss – bekanntlich genese ich pflichtgemäß zum Montag. Glücklicherweise kann ich dann wirklich gut ausschlafen – schön.

Aber ich denke an die Stunden vor dem Krankwerden und an das Lächeln und die Diva und die Stimme, und wäre es das nicht wert, all das kranksein? Wäre es doch. Würd glatt wieder ein paar Tage kränkeln, für ein paar solcher Stunden.

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What a difference a day made
Twenty-four little hours
Brought the sun and the flowers
Where there used to be rain

An meinem perfekten Sonntag wäre ich nicht allein und obwohl es schon später am Morgen ist, liegen wir immer noch im Bett. Ich weiß nicht genau, was mich geweckt hat – vielleicht waren es die ersten warmen Sonnenstrahlen, vielleicht war sie es, die sich ein wenig in meinem Armen geräkelt hat. Es kann auch sein, dass sie mir etwas durch mein Haar gestrichen und mich angesehen hat; es fühlt sich fast so an, als hätte sie mir heimlich einen kleinen Kuss gegeben, als ich noch in den Traumlanden unterwegs war. Wie dem auch sei, sie würde sich wahrscheinlich nichts anmerken lassen und dasselbe sanfte, wissende Lächeln auf den Lippen haben, ob sie nun wach ist oder noch schläft. Ich kann die Vögel singen hören und lausche ihnen eine Weile; dann kuschele ich mich wieder ins Bett, wobei sich mein leichter Muskelkater bemerkbar macht. Unweigerlich muss ich an die letzte Nacht denken und vermutlich würde ich ein wenig grinsen müssen, aber das sieht ja niemand, der mich darauf ansprechen könnte.

Ich schließe wieder die Augen und genieße es, einfach jetzt genau hier zu sein, ihre pure Gegenwart und die Sonne, den Frieden – das kann lange dauern und irgendwann würde sie wohl aufwachen und wohl erst gar nichts sagen oder vielleicht doch, jedenfalls blieben wir noch viel länger im mächtigen Bett. Wenn wir Lust haben, stehe ich irgendwann auf und mache Frühstück; ich würde frische Brötchen oder Crossaints holen und mir Mühe geben, wie ich es immer tue wenn jemand da ist und fast nie, wenn ich allein bin, mit guter Marmelade, mit Toast und heute auch mit Lachs; es macht so viel mehr Spaß für jemand anderes.

Wenn wir beide auf ähnliche Ideen kommen, haben wir Sex. Dann wieder. Und später nochmal und dann halten wir uns in den Armen; ich kann ihre Hände auf meiner Haut fühlen, ihren Körper und streichle ihren Nacken und ihre Beine, sowie überallsonst. Sie schnurrt fast. Sie macht: Mmmmhhmmmhhhhhmmmmhhhhrr. Das kann ziemlich lange so weitergehen, wenn es nach mir ginge. Und so ist es ja heute, denn der Sonntag war bisher wirklich perfekt. Wenn sie noch einmal dieses Geräusch macht, dann werden wir schon wieder Sex haben. Selber schuld.

Mmmmhhmmmhhhhhmmmmhhhhrr.

Wenn wir so im Bett liegen, muss keiner etwas sagen. Aber es kann auch anders sein: Ich erzähle ihr etwas, was mir gerade einfällt, etwas neues oder altes, eigentlich ist es mir auch nicht so wichtig, weil ich ihr so gern Sachen erzähle, und sie lächelt oder schmiegt sich an oder schmiegt sich nicht an und lächelt und … ach, sie ist einfach da. Sie erzählt mir auch etwas und wir lachen manchmal, bis uns die Tränen kommen.

Wenn ich es recht bedenke, kann der Sonntag auch gut so weiter gehen, bis wir irgendwann einschlafen. In jedem Fall aber würden wir nicht so schnell aus dem Bett verschwinden, allerdings würden wir uns darüber unterhalten was wir essen könnten, ob wir zusammen kochen oder ob wir ausgehen. Weil ich bekanntlich langweilig und berechenbar sein kann, einigen wir uns auf Sushi und bekommen genau den schönen Platz reserviert, den wir uns gewünscht haben. Aber wir hätten genug Zeit, um vorher ausgiebig zu duschen, sich gegenseitig einzucremen… oder gemeinsam in der gewaltigen Wanne ein luxuriöses Bad mit diesem fantastisch riechendem Bädeöl zu nehmen, das ich mir hin und wieder leiste.

Wir würden essen gehen und uns Zeit nehmen und es wäre reichlich und wundervoll und wenn wir wollen, gingen wir danach noch auf einen Kaffee und – falls noch Platz ist – auf ein Stück Kuchen in ein Café. Wir würden ein Stück gehen und uns an den Händen halten oder Arm in Arm, aber nicht immer, denn dann kann man sich nicht nur einfach halten sondern lächeln und sich wieder umarmen, wenn man sich danach fühlt. Es wäre immer noch ein sonniger Tag, obwohl es schon langsam Abend wird.

Wir haben Decken dabei und setzen uns in einen Park oder noch besser, auf eine Lichtung tief im lichten Wald. Es ist eine Zeit, in der keiner etwas sagen muss und auch keiner den anderen berühren muss; es reicht wenn man mit sich selbst allein ist und trotzdem weiß, da ist sie neben dir. Ich sehe den blauen Himmel zwischen den Bäumen und schaue den Wolken zu; es ist sehr still, nur manchmal ein Vogel oder der Wind, der in den Blättern und Ästen rauscht. Vielleicht schlafen wir etwas ein. Vielleicht trinken wir etwas Bier. Vielleicht kommen wir auf unfassbar unsittliche Gedanken oder vielleicht schreiben wir etwas zusammen in eines unserer Notizbücher oder wir überlegen uns, was wir am Abend machen.

Ich würde gern eine Kneipe besuchen oder einen Poetry Slam oder ins Kino oder ins Kabarett oder ins Konzert gehen. Sie stimmt zu oder sie hat eine eigene, viel bessere Idee oder sie sagt, komm, gehen wir einfach nach Hause, wenn es dunkel wird und uns fällt schon etwas ein. Und das Allerbeste davon machen wir.

Und nach dem Allerbesten ist uns sicher noch etwas viel Besseres eingefallen, das wir dann zuhause machen, oder auf dem Weg nach Hause. Oder wir gehen einfach noch nicht nach Hause. Wir machen, was uns einfällt, denn wir haben Zeit.

Sie würde mir süße Geheimnisse ins Ohr flüstern.

Wir würden uns küssen.

Ah, ich würde gern noch etwas mit ihr trinken und dazu vielleicht ein wenig Käse oder etwas anderes kleines knabbern. Unser Lachen erfüllt den Raum, egal wo wir sind.

Uns wird noch viel einfallen und irgendwann schlafen wir dann ein.

Mit einem Lächeln.

What a difference a day made
And the difference is you

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Auf eine bestimmte Weise ein Nick-Cave-Tag. Dazu ewig vor mir hergeschobene Abrechnungen. Eigentlich genau der richtige Tag für so etwas: Wenn man schon auf gar nichts Lust hat.

Außer auf…

P.S.: Nun, ich bin fertig und schaue mir nun ‘Ghost Rider’ an, weil ich an meinen Lieblings-Nikolaus-Cage-Fan denken musste. Volles Haupthaar am Cage – nur in diesem Film. Das darf ich nicht verpassen.

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Ich habe mal wieder den ganzen Tag wenig bis gar nichts getan; fast schon ein typischer Sonntag für mich. Sonntags bin ich bekanntlich im Energiesparmodus und kaum in der Lage, dem Fernsehprogramm zu folgen.

Aber dafür ist das ein Tag von wenigen tiefen Gedanken und so meistens ganz angenehm, trotz fürchterlichem Kater – langsam kehren die Erinnerungen zurück, ich war offensichtlich Zeuge einer grauenhaften Fehlanwendung eines Glätteisens durch einen bis dahin wohlbelockten Heavy Metal Fans. Der thematische Zusammenhang ist mir allerdings immer noch schleierhaft. Mal sehen, ob ich mich später an mehr Details erinnere.

hurley

Prä-Glätteisen: Verblüffende Ähnlichkeit.

Eigentlich wollte ich noch darüber schreiben, wie sehr es an mir nagt, bestimmte Sachen und Umstände um mich herum nicht im Geringsten ändern zu können und zuschauen zu müssen, wie manches einfach grauenhaft ist und es an anderen liegt, die Dinge zu richten. Ich rede natürlich von Sachen zwischen Menschen. Ich habe heute keine Probleme mehr damit, selbst Fehler zu machen oder auch zu scheitern, aber Machtlosigkeit ist schwer zu akzeptieren. Fehler mache ich wenigstens. Da schau ich nicht nur zu. Solche Dinge, die warten in meinem Hinterkopf und in schwachen sonntäglichen Momenten kommen sie heraus und ich entwickle Phantasien, die viel mit verheißungsvollen Aspekten “Türen eintreten”, “Streitäxte”, “Rumschreien”, “auf dem Brustkorb herumtrommeln” und so weiter zu tun haben, untermalt von heroischer Musik im Stil des Indiana Jones Themas. Direkt danach werde ich sehr traurig und still. Die sehr gute Party war eine Abschiedsparty, diesen Aspekt der Feier hatte ich bis dato verdrängt, nun kehrt er natürlich mit Macht zurück.

Wenigstens ist das Bild von dem Mann mit dem Glätteisen noch in meinem Kopf. Er sieht in meiner Erinnerung aus wie Hurley aus Lost. Nicht vom Gewicht her. Aber sonst… Ich muss etwas lächeln, während ich diese Zeilen schreibe, aber der Kloß im Hals ist immer noch da. Ach was, ich erspare euch die langweiligen Selbstzweifel. Ich sollte einfach ins Bett gehen.

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