Sozialarbeit

Artikel mit dem Stichwort Sozialarbeit.

Ich glaube, wir Sozialarbeiter hatten es mal im Studium immer ein wenig einfacher, was die pure Lernerei angeht; die erbarmungslose Paukerei von Juristen oder von Medizinern, die haben wir nicht man ansatzweise gehabt. Jedenfalls damals in Diplomstudiengängen. Solche grauenhaften Sachen wie “Bachelor” habe ich nur am Horizont dräuen sehen.

Aber keine Sorge, das Universum gleicht das alles wieder aus, indem es dem angeblich fertigen Sozialfuzzi über Jahre immer wieder faszinierende Situationen auftischt, für die man unmöglich vorbereitet sein kann.

Ich rede hier gar nicht von Familienkrisen, von bestimmten Fällen in denen man gezwungen ist, Jugendamt oder gar die Polizei anzurufen ist. Da weiß man, was zu tun ist. Da macht man, was zu tun ist, auch wenn es unangenehm ist. Auch, wenn es einem widerstrebt.

Etwas ganz anderes ist, wenn die Klientenmutter mitten in einem ernsthaften Gespräch über fürchterlich wichtige Sachen das Thema wechselt und dir folgende Frage stellt, wobei sie sich dir gaaanz nah über den mikrowellenerhitzten Instantkaffee entgegenbeugt:

“Und wie finden sie mich so… als Frau, Herr Gorgmorg? Finden sie mich… attraktiv?”

Nein, gar nicht. Aber das habe ich nicht gesagt. Was ich gesagt habe? Ratet mal. Na? Na?

Irgendwann biete ich mal ein Seminar namens “Dialog-Aikido in Grenzsituationen – Elegant ausweichen und nicht aufs Kreuz gelegt werden.” an.

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Je mehr ich blogge, desto verrückter spielen die Leute um mich herum. Vor allem die Klienten. Die Kunden.

Es ist kalt und das welke Aushilfsfahrzeug, welches für mein endlich zum Ausbeulen beurlaubtes Kriegspony eingesprungen ist, hat beschlossen komplett einzufrieren. Alle Schlösser verweigern die Mitarbeit. Halt, nicht alle: Die Heckklappe! Zum Glück kann man ja die Rückbank umlegen und mit Tasche, Notebook und all den Ordnern von hinten reinkriechen und entspannt den Zündschl… moment: Scheiben zugefroren. Also wieder auf demselben Weg wieder raus und enteist.

“Ich komme zu spät”, puckert es durch mein schuldbewusstes Hirn.

“Termin muss leider abgesagt werden”, lautet die SMS, die zwei Minuten nach Abfahrt bei mir einschlägt.

Grrr.

Kurz vor Weihnachten Eltern davon zu überzeugen, dass sie ihre Grundschulkindern auf gar keinen Fall mit lebendigen Kuscheltieren überraschen sollten, das ist eine meine meistverhassten Situationen. In diesem Jahr ist das besonders populär; Meerschweinchen sind ja auch deutlich günstiger als ein Nintendo DS.

- Haben sie darüber überhaupt schonmal mit den Kinder geredet?

- Nein, das soll doch eine Überraschung sein!

- Das Nachbarskaninchen hat ja nun auch einiges durch ihre Kinder einstecken müssen, erinnern sie sich?

- Ja, schon… aber…!1

Ich sage, sie sollen ihren Nachwuchs lieber selber mal ein wenig kuscheln, halte aber meine Chancen auf Kleintierrettung für höchstens Fifty-Fifty.

Wenigstens schaffe ich es, zu Mittag ein paar Scheiben Brot im eigenen Heim einzuwerfen, bevor es weitergeht. Ich packe meine Sachen und ziehe wohlgenährt und hochmotiviert die Tür hinter mir zu. Klack. Ein verdammt befriedigendes Geräusch.

Die Sonne kommt raus und ich fühl mich allmählich entspannter.

Zwei beschwingte Schritte später fällt mir ein, dass die Schlüssel – alle Schlüssel – noch auf dem Tisch liegen.

In solchen Momenten fühlt man sich so richtig alt, bis man durch ein elektronisches Signal darin unterbrochen wird.

Das Diensthandy erinnert mich nachdrücklich – ich habe noch 15 Minuten, die 4,6 km bis zum wichtig-wichtigen Termin… zu laufen.

Na, dann mal los.

  1. Dieser Dialog ist natürlich rein fiktiv []

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Überall Schmutz.

Wenn ich zugeben muss, tatsächlich Sozialarbeiter zu sein und noch dazu Jugendliche und Kinder zu betreuen, reagieren die Leute fast immer mit einem entschlossenen Daskönntichjanich. Ich finde meine Arbeit gar nicht so schlimm, im Gegenteil – auch wenn sie bisweilen Nerven kostet. Aber wer kann das nicht genau so gut auch von seinem Beruf behaupten? Ich will auch hier ganz offen zugeben, dass ich weder mauern kann noch eine Klasse Schüler unterrichten könnte. Daskönntichjaauchnicht. Hab ich ja auch nicht gelernt. Sozialarbeiter, das hab ich gelernt.

Ich bin also daran gewöhnt, dass Leute erstens keine Ahnung davon haben, was meine Aufgaben sind und zweitens, dass sie so auch nicht ansatzweise eine realistische Vorstellung davon entwickeln können, wie körperlich anstrengend mein Job auch sein kann. Sie haben auch keinen blassen Schimmer, wie dreckig ich oft nach Hause komme.

10 Uhr morgens: Erster Termin nach einiger Büroarbeit: zwei Stunden Spielplatz mit leicht wildem Fünfjährigem, der nachweislich auch nach acht Stunden ähnlicher Beschäftigung weder Ermüdungserscheinungen noch mangelnde Spielmotivation zeigt. Ich unterscheide mich von ihm in beiden Punkten ganz entscheidend.

13 Uhr: Fussballspielen mit ein paar Teenagern. Zwischendurch: Reden, reden, reden. Fussballspielen. Reden. Fussballspielen. Reden. Ich habe ein paar leichte Formprobleme, die ich mit einem entspannten Lächeln und einem Hinweis auf mein enormes Alter beiseitewische. Sie lachen und wollen weitermachen.

15 Uhr: Ich bin schon wieder auf dem Spielplatz, werde von einem kleinen Jungen begleitet von einem herzlichen “Fick dich!” mit Schlamm beschmiert. Längere Diskussion folgt, noch längerer Heimweg garniert mit einigen Fluchtversuchen und Angeboten zur Bestechung – “Sags nicht Mama, okay? Ich komm dann auch mit nach Hause. Trägst du mich?” Ich bleibe eisern, auch weil ich viel zu erledigt zum schleppen bin. Lange, noch viel anstrengendere Gespräche mit peinlich berührter Mutter folgen. Ich bin sicher, ich rieche wie ein durchgeschwitzer, gut gereifter Jagdhund.

17 Uhr: Nun, dieser Termin ist ausgefallen. Man fuhr in Urlaub, hat man mir am Morgen per SMS mitgeteilt. Zeit für Papierkram, den ich zuhause erledige.

Der Nachbar kommt mir entgegen und grinst, als er meine lehmige Anmutung bemerkt. Ich bin ziemlich sicher, er glaubt ich arbeite aufm Bau.

P.S.: Endlich wieder eine richtige Kiste Bier: Das gute Detmolder Landbier. Hurra!

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Spätpost

Nach guten 11 Stunden Arbeit ist es einfach nicht richtig, vor nachts um eins schlafen zu gehen. Ich bin todmüde, mag aber nicht einschlafen. Schon aus Prinzip. Immerhin habe ich morgen… heute… frei, da muss der vorherige Abend noch genutzt werden, um das zugegeben schreckliche Fernsehprogramm zu schauen.

Dabei kann ich etwas besser schreiben, weil ich mir so fast vorstellen kann, ich würde hier nicht allein herumsitzen und jemand wäre da, jemand dem ich meinen Kram vorlesen kann und ehrliche (aber liebevolle, bitte!) Kritik zurück bekomme.

So lange arbeite ich eigentlich nur, wenn ich in irgend einer Weile mit Schulen zu tun habe – der Sozialarbeiter im Jugendbereich ist in aller Regel eher nach der Schulzeit bis in den frühen Abend aktiv, Lehrer erwischt man allerdings nur außerhalb des Unterrichts und das heißt defintiv nicht zum Unterrichtsende, sondern mit etwas Glück während seltener Freistunden oder mit etwas Pech vor dem Unterrichtsbeginn. Vor acht Uhr. Ich habe heute nicht mehr viel gegen Lehrer auszusetzen – nicht im Ganzen, nur gegen einen Teil meiner Lehrer habe ich wohlbegründete Vorbehalte – ich habe nur etwas gegen ihre unerfreulich inkompatiblen Arbeitszeiten, die für unsereins “sehr früh anfangen, spät aufhören” bedeuten.

Nur diese eine Person im Sekretariat einer ungenannten Lehranstalt… gegen die könnte ich glatt ein paar negative Gefühle entwickeln.

Wenigstens schwindet langsam der Stapel Arbeit, der sich während meiner Krankheit angesammelt hat. Ich hasse es, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, nur weil ich wirklich krank gewesen bin und Sachen in meiner Verantwortung aus diesem Grund nicht erledigt wurden. Ich habe genug geschafft für diese Woche, nur noch dieser eine Termin steht aus, dann habe ich es geschafft.

Warum passiert nun nichts Wundervolles, wie ich es verdient habe? Das beste an diesem Tag , zwei tolle Einträge in den besten Blogs der Welt: Wundervoll genug.

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Noch eine Woche, dann bin ich raus. Raus aus der Offenen Ganztagsbetreuung, in der ich nie arbeiten wollte. Das hat sich nicht geändert; ich werde den Job nicht vermissen und die Kollegen auch nicht. Ein paar von ihnen verwechsele ich immer noch.

Ein paar von den Kindern werde ich hingegen nicht vergessen. Ich kann genauso wenig sagen, das ich Kinder mag, genauso wenig wie ich behaupten könnte, Erwachsene zu mögen. Für mich sind Kinder eben auch nur Menschen.

Alle Kolleginnen haben selbst Kinder. Oft habe ich den Eindruck, sie sehen vor dem berühmten inneren Auge immer ihren eigenen Nachwuchs vor sich. Stell dir mal vor, dein Kind macht sowas, Denis! Stell dir mal vor, dein Kind sagt so etwas! Dann würdest du auch laut!
Denis hat aber kein Kind, am das ihn die nervigeren Kunden auf der Arbeit erinnern könnten.

Also komme ich auch auch ganz gut mit dem kleinen rundlichen Mädchen klar, das je nach Essensplan Muslimin oder “Deutsche” ist und entweder mein ‘tolles Haar, Herr Gorgmorg’ lobt oder versucht, irgendwen grob zu beleidigen1 oder zu treten.

Ich erinnere mich, wie ich mal mit ihr Basketball spielte und sie einfach nicht hoch genug werfen konnte, was kein Wunder mit ihren sieben Jahren ist. Sie war frustriert, aufgeben kam jedoch nicht in Frage. Nicht dass sie sich helfen ließ; sie machte einfach weiter und wurde immer wütender.

“Mann! Herr Gorgmorg! Der will nicht!!!”

“Der soll aberrr! Mann!”

“Fick dich! Fick dich … BALL! Ich hasse dich!”

Die wird mir mehr fehlen als die meisten anderen.

  1. Ich weiß, die Fragen werden kommen: Nein, das dürfen sie nicht und das wird auch korrigiert []

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Was mich in letzter Zeit zunehmend nervt, sind die vielen Klischees und Automatismen, die sofort ins Spiel kommen, wenn ich sage, dass ich Sozialarbeiter bin.1.

Ich rede ja nicht einmal von possierlichen Sachen wie dem Norwegerpulli und den Birkenstock-Sandalen, die mein Berufsstand scheinbar genauso wie die Tracht der Zimmerleute verwendet – falls nicht mehr als sichtbare Uniform, dann doch die damit verbundene Einstellung. Der Pulli im Kopf: “Der Typ bringt nichts, ist aber irgendwie fusselig und lieb. So lieb! Der will die ganze Welt verbessern, mit Kräutertee und Verständnis.”

Das wäre alles gut und schön – ich kann damit leben, ich bin während der Arbeit gar nicht so besonders kuschelig; das merken die Leute meistens ziemlich schnell – aber es wird dann anstrengend und dann und wann echt nervig, wenn es nach Feierabend weitergeht.

Nicht die Überstunden, die meine ich nicht.

Das “Ey, du wirst ja sauer, wenn ich dir zum hundertsten Mal das und das Problem erzähle und nichts ändere. Ich dachte, Du bist Sozialarbeiter!”

Das “Machst du das auf der Arbeit auch so?”

Das “So darft du dich aber nicht benehmen, wenn du Sozialarbeiter sein willst.”

Ein winziger Hinweis von mir an die Welt: Auch ein Zimmermann verbringt seine Freizeit nur selten vollständig auf Dächern.

Ich habe auch irgendwann mal Feierabend; dass meine Arbeit Arbeit ist und ich auch ganz gern mal nur ich selbst bin… das versteht sich wohl nicht von selbst.

Ich habe nicht für alles Verständnis und ich mag keinen Kräutertee. So!

  1. Das kennen sicher die Lehrer, Psychologen, Erzieher und so weiter sicher auch []

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