Speck

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Gelegentlich spioniere ich bei Versammlungen älterer Personen und manchmal werde dabei entdeckt. Das hat keine schlimmeren Folgen als längere Gespräche – genauer gesagt: Es werden mir Ratschläge erteilt, die ich eigentlich gar nicht hören wollte. Man braucht also Geduld. Manchmal aber lohnt es sich, dem Erfahrungsschatz aus Generationen zu lauschen.

Wie in diesem Fall. Eine Lösung, die dein Leben einfacher und knuspriger machen wird.

Wer wie ich gern Bacon oder Speck oder Schinkenspeck ganz im englischen Stil anbrät, aber zu faul für die Bratpfanne ist und vielleicht außerdem etwas Fett einsparen möchte1, sollte weiterlesen.

Um solcherlei Bratgut knusprig und weniger fettig und sekundenschnell futterfertig zu fabrizieren, gilt es nur noch den Weg zum nächsten Absatz zu überwinden.

Nimm ein Blatt von der Küchenrolle, falte es und lege den Speck hinein. Zuklappen. In die Mikrowelle, kurz angeworfen und nach ein paar Sekunden, sobald zu dampfen und brutzeln beginnt, gleich wieder abstellen. Sei schnell, sonst trocknet es dir noch aus.

Es ist erstaunlich. Ich bin sicher, das wusste außer mir schon jeder.

  1. Das sollte für mich gelten, ich mag aber nicht. []

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Meine Küche ist sehr eng und die Arbeitsfläche ist mikroskopisch – kein Wunder, wenn man in einem Maschinenraum des Stückgutfrachters Wohnung auch noch nachträglich einen Kochecke unterbringen musste, nicht wahr1 ? Sich Spiegeleier zu braten ist schon gefährlich genug. Nicht das Braten an sich, aber sie auf den Teller zu bringen, ohne dabei blaue Flecken an den Ellenbogen oder Teppichflusen in den Eiern zu riskieren – das ist nicht so einfach. Selbst wenn man so durchschnittlich ist wie ich. Ich wünschte, ich wäre kleiner und viel gelenkiger.

Was die Arbeit – nein, das Vergnügen – dort nicht gerade erleichtert ist meine ganz aktuelle Sucht. Es fing ganz einfach damit an, dass ich ein Stück, nein: einen Barren Speck kaufte. Ein Barren Fettes Gold. Wie wir Speckoholiker zu sagen pflegen. Ich weiss, was ihr gerade denkt und ihr habt recht. Ihr denkt: “Warum?” und “Igitt.” Oder “JA!” – in dem Fall seit ihr Gründungsmitglieder meiner Selbsthilfegruppe, die ich gerade in dieser Sekunde mit euch gegründet habe. Herzlichen Glückwunsch. Wie nennen wir uns?

Mit Speck schmeckt fast alles besser, mal abgesehen von Erdbeereis. Eier. Pasta. Wundervoll. Allein schon wie er lustig in der Pfanne brutzelt. Was man in der Pfanne machen kann, ist eigentlich schonmal auf der guten Seite. Und Speck braucht Pfanne. (Das ist eine der heiligen Regeln.)

Eigentlich will man nach der ersten verspeckten Woche aufhören, weil man satt und vermutlich einen Zentner schwerer, gleichzeitig aber glücklich und rosig ist. Trotzdem macht man sich ja Sorgen.

Aber ich habe ja noch einen halben Barren übrig! Und ich will ja nichts wegwerfen, so billig das edle Zeug auch sein mag.

Ich denke mir also immer neue Speckulationsmöglichkeiten aus und kann nicht mehr aufhören, bis nichts mehr im Kühlschrank und auf meinem Gewissen liegt. Oh Bitte, mir muss jemand helfen und mich unbedingt aufhalten. Sonst passe ich nicht mehr durch die Tür, kann nicht arbeiten und werde gefeuert.

  1. Ich denke lieber gar nicht darüber nach, wozu die Maschinen hier überhaupt gut sind. []

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Ich glaube, von Zeit zu Zeit werde ich einmal über interessantes Essen berichten, das ich in meinem lange noch nicht ausreichend langem Leben erleben durfte – das hat direkt damit zu tun, dass ich zur Schlafenszeit wirklich großen Hunger bekomme. Fast jeden Abend. Also denke ich am besten noch mehr über Essen – vielleicht entwickel ich ja genug Energie, um mich für einen Kreuzzug zum Kühlschrank zu motivieren.

Meine Eltern haben etwas reichere Bekannte, die gern durch die Weltgeschichte – vor allem die angenehmeren Teile davon – reisen und von überall teure Hemden, teure Weine und teure andere Dinge mitbringen. In aller Regel so viel, das sie ihren gesammelten (Geschäfts-) Freundeskreis einladen müssen, um vor dem Verfallsdatum für die tatsächlich meist sehr, sehr angenehme Vernichtung der verderblicheren Mitbringsel zu sorgen. Der experimentierfreudige Fresssack in mir gewann die Überhand über meine Abneigung gegen die zu erwartende Schickigesellschaft. Die Wohnung war streng nach dem “Rechter Winkel meets Alessi” Stil eingerichtet, den Leute mit Geld gern für besonders geschmackvoll halten, darum sehen viele dieser Häuser innen auch beunruhigend gleich aus: Vom Ledersofa mit Chromrahmen bis hin zu den Chagall-Drucken an der Wand – vorzugsweise Poster von Ausstellungen, die ganz sicher nicht von Bewohnern besucht wurden.

Auf dem Tisch waren viele feine Sachen aus Italien zu finden, dem Hemdenland jenes Sommers: Käse mit Schimmel und Käse mit Trüffeln (!), mächtige Schinken am Knochen, augenscheinlich vom Wildschwein. Feiner Wein. Und etwas blasses, fettiges, ca. 4cm dickes, bestreut mit grobem Meersalz und Rosmarin. Offensichtlich hatte niemand dieses… Objekt angerührt. Zu fett. Kein Wunder, denn genau das war es: Weißer, sehr, sehr mächtiger Speck. Neugierig geworden frage ich den Hausherren nach diesem wohlriechenden Ding. Er meinte, dass das Speck von wildlebenden Schweinen war, mit Kräutern bestreut in Tonkrüge voller Meersalz gepackt und in Höhlen für unfassbar lange Zeit einfach sich selbst überlassen. Komischerweise, meinte er, fanden die meisten Leute diese Geschichte ziemlich abstoßend. Er grinste. Das würde auch für die EU gelten, die ungeräucherten, ungepökelten und auch sonst nur gesalzenen Speck verbieten wollten.

Dieser Speck war illegaler Speck.

Mit ein wenig frischem Brot probierte ich eine dicke Scheibe von dem, was bei Licht betrachtet nicht viel anders war als kaltes, altes Fett. Nicht ganz vorbereitet war ich für die Explosion in direkter Nähe meiner Geschmacksnerven. Bei Zeus! Dazu ein kräftiger Bardolino… das war so ziemlich die größte, positivste Überraschung in meiner kulinarischen Geschichte. Jedenfalls in der Kategorie “Ohne tolle weibliche Begleitung”. Aber immerhin.

Ich habe übrigens Anstand gewahrt und mir die Frage nach dem Preis verkniffen.

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