Ich bin nicht gut darin, mich von Büchern zu trennen; bei mir stünden wohl immer noch meine Kinderbücher im Regal, wenn meine Eltern nicht eines Tages entschlossen durchgegriffen hätten und einiges in Kisten und dann angeblich auf den Dachboden verfrachteten … wo sich später natürlich nichts mehr wiederfand.
In Büchern stehen nicht nur Geschichten; an ihnen hängen auch welche.
Vor ein paar Tagen suchte ich in meinem Regal nach einem Band von Jack Vance – ich suchte eine bestimmte Kurzgeschichte, fand aber sie aber nicht, kein Wunder: Weil das Buch nicht an seinem Platz stand. Ich hatte es ja selbst verliehen, vor Jahren, als ich noch in der Ausbildung als Physiotherapeut war.
Da gab es einen anderen Schüler, der hatte immer dicke Fantasywälzer dabei, die er zwischen den Unterrichtseinheiten im Original las – “The Wheel of Time” und solche Sachen, ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Ich fand die Schwarten nicht besonders interessant, aber ich hatte ja auch jahrelang solches Garn verschlungen: Alles mit Drachen auf dem Cover war für mich unwiderstehlich; jedenfalls interessant genug, um es zu kaufen und mindestens bis zur zweiten Seite, meistens weit darüber hinaus. Da war mir auch egal, ob da wieder jemand schamlos Tolkien kopierte. Nach der ganzen problemorientierten Jugendliteratur der 80er und 70er, mit der ich aufgewachsen war, wirkte ein wenig Eskapismus wie eine Wagenladung LSD-Trips für einen Asketen. (Ich halte das jedenfalls für möglich – ich habe nie LSD genommen und war ganz sicher auch noch nie Asket). Ich war nach kurzem Seitenumblättern abhängig von dem Zeug.
Wir kamen ins Gespräch; er hatte in den USA gelebt und dort solche Genrebücher entdeckt. Ein netter, stiller Typ mit Seitenscheitel und silbriger Brille. Sonst machte er nicht viel, Computerspiele, nicht mehr. Mir war nicht ganz klar, warum die anderen Schüler ihn mieden; diese Tatsache fiel mir auch erst jetzt auf – ich hatte nie gesehen, wie sich jemand länger als ein paar Minuten mit ihm unterhalten hatte.
Oliver (so nenne ich ihn mal) blühte förmlich auf und ich hatte immer jemanden zum Quatschen – selten genug in einer Umgebung, die sich in ersten Linie für Sport und Tattoos interessierte. Handball – eine Handballgegend, in der man das Ergebnis am Montag wissen musste. Sonst wurde es echt schwierig. Oliver hatte keine Ahnung, nicht das ihn einer der jungen Trainingsanzüge gefragt hätte, genau wie bei mir. In der nächsten Woche lud er mich zu sich nach Hause ein.
Inzwischen hatte ich mehr oder weniger unfreiwillig erfahren, dass Oliver bei den Zeugen Jehovas war. Die anderen wussten einfach nicht, wie sie mit ihm umgehen sollten und er sprach nie darüber; er weigerte sich nur, Happy Birthday zu singen und wurde böse, wenn sie stichelten. Ich besuchte ihn jedenfalls ein paar Tage später, um ihm ein paar viel, viel bessere Bücher zu zeigen und um ihm eines meiner wenigen nicht raubkopie… originalen Computerspiele auszuleihen.
Er wohnte zur Untermiete bei einer Witwe, seine Wände waren gepflastert mit Bildern von ihm und einer Frau. Die beiden sahen verkrampft und etwas unbeteiligt aus, als ob der Fotograf sie gerade mitten in einem wichtigen Gespräch gestört hatte. Seine Verlobte, erzählte er mir. Er würde bald nach der Ausbildung wieder zurückfahren. Er würde sich bestimmt sehr darauf freuen, meinte ich. Oliver wurde sehr nervös, ja, natürlich würde er sich freuen. Es sei ja nun auch schon ein Jahr her. Bald würden sie ja heiraten. Wenn er fertig ist, mit dem Kram hier.
Das Buch und das Spiel nahm er gern und verstaute sie in einem Schrankfach, weitab von seinem mit Fachliteratur vollgestopften Regal. Ich besaß nur eine Handvoll Fachbücher, einen Anatomieatlas und eines über Massage und eines über Physikalische Therapie, ich hatte ja nicht einmal einen Pschyrembel. Nicht dass er sich meine Leihgaben groß anschaute. Er bedankte sich überschwenglich und bot mir etwas zu trinken an und etwas zu essen; ich nahm an, auch wenn ich etwas nervös wurde.
Ich dachte, ich wäre wegen Büchern da oder um etwas gemeinsam zu üben, aber er fing an, mich über mein Liebesleben auszufragen. Ob ich eine Freundin hätte (Nein? Wie lange denn?), was ich so am Wochenende unternähme. Er rückte dabei immer näher und schien etwas in meinen Augen zu suchen, sprach das aber nicht aus – die Idee, dass er schwul sein könnte, kam mir damals gar nicht, das kam erst viele Monate später. Oliver begann allerdings etwas zu stottern, entschuldigte sich immer wieder dafür und dann wurde es schlimmer. Die ganze Situation war mir fürchterlich unangenehm, nach einer Weile fasste er sich dann ein wenig. Mir fiel plötzlich auf, dass er an den Schläfen schwitzte.
Er habe nicht so oft Besuch und er wüsste gar nicht genau, was zu tun wäre. (“Entschuldigung.”)
Wir redeten noch etwas über die Prüfungen, lästerten ein wenig über die Lehrer. Dann fuhr ich, früher als geplant. Ich zwang mich zu einem langsamen, coolen Gang, als ich ihm winkte und zu meinem alten grauen Diesel spazierte. Er sah mir die ganze Zeit nach – eine Ewigkeit, zwei Minuten höchstens – und winkte mir zum Abschied. Wir hatten noch gar nicht gegessen, fiel mir ziemlich spät ein, nämlich als ich den Wagen anwarf.
Am Montag kam er nicht zum Unterricht. Er hatte die Ausbildung geschmissen und war auf dem Weg in die USA oder fast – die Wohnung war jedenfalls schon gekündigt, Hochzeitsplanungen oder so, sagten sie. Ich war fast schockiert und fast gleichzeitig fast erleichtert. In der nächsten Sekunde schämte ich mich und so blieb es noch lange. Ich wusste gar nicht, warum ich mich so schämte.
Bis ich irgendwann feststellte, dass er mir den inzwischen vergriffenen Vance wohl trotz meines Adressaufklebers nie zurückschicken würde. Ich konnte das verstehen, aber mein Schlechtes Gewissen (wegen meiner Flucht?) war mit dieser Erkenntnis so gut wie verschwunden. Damit wären wir wohl quitt.
Ich frage mich trotzdem, was wohl aus dem geworden ist. Heirat, drei Kinder?
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