Studium.

You are currently browsing articles tagged Studium..

Ich glaube, wir Sozialarbeiter hatten es mal im Studium immer ein wenig einfacher, was die pure Lernerei angeht; die erbarmungslose Paukerei von Juristen oder von Medizinern, die haben wir nicht man ansatzweise gehabt. Jedenfalls damals in Diplomstudiengängen. Solche grauenhaften Sachen wie “Bachelor” habe ich nur am Horizont dräuen sehen.

Aber keine Sorge, das Universum gleicht das alles wieder aus, indem es dem angeblich fertigen Sozialfuzzi über Jahre immer wieder faszinierende Situationen auftischt, für die man unmöglich vorbereitet sein kann.

Ich rede hier gar nicht von Familienkrisen, von bestimmten Fällen in denen man gezwungen ist, Jugendamt oder gar die Polizei anzurufen ist. Da weiß man, was zu tun ist. Da macht man, was zu tun ist, auch wenn es unangenehm ist. Auch, wenn es einem widerstrebt.

Etwas ganz anderes ist, wenn die Klientenmutter mitten in einem ernsthaften Gespräch über fürchterlich wichtige Sachen das Thema wechselt und dir folgende Frage stellt, wobei sie sich dir gaaanz nah über den mikrowellenerhitzten Instantkaffee entgegenbeugt:

“Und wie finden sie mich so… als Frau, Herr Gorgmorg? Finden sie mich… attraktiv?”

Nein, gar nicht. Aber das habe ich nicht gesagt. Was ich gesagt habe? Ratet mal. Na? Na?

Irgendwann biete ich mal ein Seminar namens “Dialog-Aikido in Grenzsituationen – Elegant ausweichen und nicht aufs Kreuz gelegt werden.” an.

Tags: , , ,

Pink

MemoBot - she in pink

Beim Umzug habe ich eine gebrannte CD gefunden, beschriftet mit ein ein paar runden Buchstaben einer weichen Mädchenschrift, die Herzchen anstelle von i-Punkten macht.  ‘Natural’. Nie angehört. Eine Boygroup oder so.

Dieses Wetter und diese Gedanken im Kopf, nicht nur hinten, sondern auch zwei Fingerbreit hinter den Schläfen. Da ist so viel, über das ich gerade nicht denken sollte und andere Sachen kommen wieder hoch, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten.

Ein paar Erinnerungen kommen hoch, über Leute an die ich Jahre nicht gedacht habe. Manchmal nicht einmal Namen, aber manchmal eine Farbe und eine Stimme. Da war es wieder da.

In diesem Fall ist die Stimme etwas verstimmt und sehr hoch. Sie gehörte einer Mitstudentin, die ungefähr mit mir angefangen hatte, aber einige Jahre jünger war. Ich bin bekanntlich im Sozialwesen untergekommen und dort gab es jedenfalls zu dieser Zeit einen gewissen Look, von dem man auf gar keinen Fall abweichen durfte – man war natürlich total tolerant, solange keine hellen oder gar kräftigen Farben ins Spiel kamen. Violett war von dieser Regelung ausgenommen, versteht sich. Rosa stand normalerweise außer Frage, nur vielleicht bei schwulen Männern wurde das akzeptiert – die  drüben aus der Coming-Out-Gruppe, die trafen sich immer im Keller. Man bemerkte es diskret im Augenwinkel und grinste sich wissend an – total offen eben. Man akzeptierte in diesen Tagen tuschelnd und kichernd, wohl damit es die Tolerierten auch mitbekamen.

Es gab eine Farbe, die niemals, auf gar keinen Fall tragbar war. Eine, die unter den ökologisch verträglich gefärbten Befindlichkeitsponchos und den Trainingsjacken aus dem Secondhand-Laden herausstach wie ein Einser-Legostein  unter beherzt auftretenden Kinderfüßen.

Wie meine geübten Leser vielleicht schon ganz richtig ahnen, ist hier von Pink die Rede – die bevorzugte Farbe Für Alles meiner alten Studienbekannten. Sie hatte pinke Blusen, mit und ohne Hello Kitty, sie hatte eine pinke zu kleine Handtasche mit Straßsteinchen, sie hatte einen pinken Gürtel mit pinker Herzchengürtelschnalle, sie trug pinken Lippenstift, diese enormen Buffallo-Plateauschuhe in pink, sie schrieb mit pinken Glitterstiftchen in pinke Notizbücher und im Sommer trug sie weiße Hosen mit pinken Glitzersternchen und knappe pinke Trägertups, meistens eine gute Nummer zu klein.

Sie war laut und quietschig und wenn mitten im Seminar ein Handy (pink, mit Straßbesatz) auf dem Tisch zu virbrieren und zu wandern begann, dann war es mit Sicherheit ihres. Sie konnte schneller mit dem Daumen SMS schreiben als ich  Seminarprotokolle. Sie schrieb eigentlich immer SMS und begann sich augenblicklich Sorgen zu machen, wenn etwa fünf Minuten ohne Kurznachricht verstrichen. Aber die Tipperei störte nicht weiter, man gewöhnt sich schnell daran – sie schrieb so beiläufig SMS wie andere atmeten. Sie hörte neben ‘Natural’ natürlich Techno und ging auf Raves. Ein freundliches pinkes Wesen.

Aber keiner sprach mit ihr.

Niemand nahm sie ernst.

Eigentlich gehört sie nicht in diesen Fachbereich, sendete das Kollektiv. Das wurmte mich:

Ich fand sie süß, sprach sie aber nie an – wie eine faszinierende neuentdeckte Spezies, von deren Harmlosigkeit man zwar schon gehört hat, man aber nicht ganz sicher ist, ob man den Medien diese Einordnung auch glauben kann.

Eines Tages führ ich  mit der S-Bahn und sah sie vorn in der Ecke des Waggons sitzen. Sie hatte einen riesigen Pickel auf der Oberlippe und war ganz in sich zusammengesunken. Sie war damit beschäftigt, sich Tränen vom Gesicht zu wischen und sich immer wieder geräuschvoll die Nase zu putzen. Sie trompete dabei durch den ganzen Wagen, aber das störte niemanden und heute konnte ich das auch nicht lustig oder süß finden; sie tat mir schrecklich leid.

Und ich sagte: “Hey.”

Und sie starrte mich an.

Und ich stotterte, dass ich ja im Seminar so und so neben ihr säße und ich gab ihr ein frisches Taschentuch. Sie sagte nicht sofort, was los war, aber ich wusste es auch so: Dass ihr Freund per SMS Schluß gemacht hatte, wegen einer anderen.

Sie war schon seit einer guten Stunde immer wieder mit der Bahn im Kreis gefahren und wusste nicht wohin. Ich fand, dass sie da wohl das einzig Richtige gemacht hätte, nämlich nichts. Ich stellte fast ein wenig überrascht fest, dass ich sie sehr mochte. Nicht nur wegen des zu engen Tops. Das war mir eigentlich ziemlich egal geworden.

“Und jetzt bin ich traurig und ich habe außerdem diesen unglaublichen Pickel, verdammte Scheiße. Das hat mir noch gefehlt dieses Arschloch ich bins wohl nicht wert.”

Und sie weinte. Ich saß daneben und führ noch einmal rund durch die Stadt, bis wir wieder am Bahnhof ankamen; wir hatten denselben Zug, wie sich herausstellte. Wir waren jetzt natürlich Freunde und gingen dann und wann einen Tee trinken und sie erzählten von ihrem neuen Typ -Bodybuilder- total süß! -  sie zeigte mir ihre überaus pinke Wohnung, die sie mit viel Plastikdeko verschönert hatte. “Ist ja meine, oder?” Absolut. So war das.

Sie war nach den Semesterferien weg und als sie wiederkam, ging sie an Krücken. Bandscheibenvorfall, der dritte. Sie war immer wieder in der Klinik. Sie sagte, sie müssten ihre Schenkelknochen durchsägen und neu zusammenschrauben. Dabei hatte sie wieder kleine, verstohlene Tränen in den Augenwinkeln, die auf ihren Einsatz warteten, aber sie konnte sich auch zusammenreißen. Nur das Pink, das verschwand mit den Wochen. Sie hatte Schmerzen, das konnte man sehen und sie verlor ihre Farbe, bis sie grau und weiß und Stricksachen trug wie all die anderen, sie lachte sogar leiser und dann wurde sie endlich auch mal ‘liebgehabt’ von all den toleranten Sozialscheißern. Es lief nicht gut mit dem Bodybuilder.

Sie humpelte, wenn sie glaubte, keiner würde es bemerken.

Und dann war sie einfach weg und dieses Mal kam sie nicht zurück. Sie hatte mir ihre neue Handynummer gegeben, aber als ich die ausprobierte, ging sie  schon nicht mehr.

Und dann habe ich sie vergessen.

Tags: , , ,

Diese von Frau Schavan scheinbar langfristig versteckte Studie birgt ja, wie es sich zeigt, wahrhaft erschreckende Ergebnisse – man sollte es kaum glauben, aber … holt bitte noch einmal kurz Luft … Studiengebühren wirken abschreckend!

Wahnsinn. Als wir hier in NRW damals gegen die Gebührenidee demonstriert haben – noch gegen die SPD-Regierung und vor allem Ministerpräsident Clement – hätten wir ja nie geahnt, dass Studierende nicht fröhlich einen massiven Kredit aufnehmen würden, wenn sie genau sehen, dass sie ihr Studium kaum selbst finanzieren können – erst recht nicht bei gleichzeitig erheblich höherer Belastung durch die Einführung des Bachelor/Master Systems. Also ehrlich. Da wären wir ja nie drauf gekommen. Abschreckend?

Bei unseren enormen Einkommen (…verglichen mit den Verdienstmöglichkeiten heutiger Studis)!

Erstaunlicherweise schaffen es einige meiner Freunde auch im Bachelorsystem, sich selbst zu finanzieren. Das sind dann die, die man mit Glück einmal im Jahr sieht, weil sie schlicht keine Zeit mehr haben. Ich bewundere solche Personen.

Wir haben damals noch gedacht, dass Studiengebühren aus purer Absicht eingeführt wurden, um alle Leute vom studieren abzuhalten, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden. Neue Eliten und so. Da war man jedenfalls unmissverständlich in den Formulierungen.

Die heutige Landesregierung hat das jedenfalls alles nicht gewollt und kann sich laut Minister Pinkwart “nicht erklären, wie Studiengebühren abschreckend auf Studienanfänger wirken können”. Er meint, die Studie wäre unverständlich.

Mit einem Blick auf die Masse der Studierenden, die unter der Armutsgrenze leben, würde ihm vielleicht die eine oder andere Sachlage klar. Notfalls kann ich ihm die Situation gern mal darlegen.

Übrigens, Minister Pinkwart: Ich würde auch ganz gern noch meinen Master machen. Wenn das wirklich kein Problem ist, können sie mir das vielleicht mal – so im Gegenzug – erklären?

Tags: , ,

Heute war mein letzter Tag im Fachbereich Sozialwesen, nach dem eher überflüssigen letzten Colloquium saß ich noch etwas mit ein paar bekannten, einigen weniger bekannten Studierenden in der Caféte (schreibt man das so?) und trank koffeinhaltige Aufgußgetränke. So sehr einige vermeiden über die Arbeit zu reden – vor allem diejenigen die genau diese Arbeit tun – so sehr scheint es andere zu faszinieren, über die Situation des Sozialen Heute zu diskutieren. Nun, wenn man schon keine Wahl hat… ich bin mir ja nicht zu schade, selbst ein paar Standpunkte zu vertreten.

Ein Stündchen später.

Man hat sich ganz gut unterhalten und eine Dame ist scheinbar davon überzeugt, das ich genau ihre Ansichten vertrete – sie wirft mir die verbalen Bälle in einer beeindruckenden Geschwindigkeit zu. Wir kamen auf das Thema, das einige Personen immer noch durch das berühmte soziale Netz fallen, ohne das es groß kümmert – was sie dazu brachte, dass in der Jugendarbeit ja einige Gruppen benachteiligt werden.

Nun, das kann gut sein, meinte ich. Welche das denn wären?

Die ganz normalen Jugendlichen, die ohne Probleme. Für die sollte man Angebote mit Niveau anbieten und zwar in der Schule – Theatergruppen, Tanz, politisches Kabarett. Das würde ihr auch mehr Spass machen.

Meiner Ansicht nach wollen aber viele Kinder und Jugendliche nicht sonderlich gern den ganzen Tag in die Schule gehen, erst recht nicht in AGs unter Anleitung von Lehrern, befand meine Wenigkeit.

Nun, wer es nicht liebt zur Schule zu gehen, der hat wohl keine richtige Erziehung genossen. Der kann ja ins Jugendzentrum gehen, wo der Abschaum alles in den Arsch geschoben bekommt.

Ob das mit dem “Abschaum” ein Scherz gewesen wäre? Nein – das Gesocks habe es ja noch viel zu leicht, mit denen – den Außenseitern und Ausländern würde sie sowieso nichts zu tun haben wollen. Das wären ja Störer.

Geneigte Leser, mir fehlen ja nicht oft die Worte, aber hier… war ich doch erst einmal geschockt. Eine definitiv linksalternativ auftretende Frau, die nach 6 Semestern Studium immer noch nicht mehr als Theaterpädagogik gelernt hat? Eine die den “Sozial” Teil im Sozialarbeiter immer noch nicht verstanden hat? Eine, die mit einem meiner ältesten Bekannten zusammen ist, der etwas betreten daneben sitzt. Du meine Güte. Und ich dachte immer, die sozial sowie schon eher schwierig gestellten Leute wären unser Arbeitsfeld, unsere Kunden – ich hatte auch mal gedacht, das wir Leuten in Notlagen zur Seite stehen und uns nicht in erster Linie künstlerisch verwirklichen wollen. Na, so kann man sich irren.

Ihr werdet vermutlich ebenso überrascht wie ich über mich sein, dass ich nicht in einem infernalen Wutausbruch überging, sondern nach einem Hinweis auf möglicherweise fehlgeleitete Berufswahl der nicht mehr ganz so jungen Dame den Ort des Gesehens verließ. Immerhin habe ich viel gelernt.

Traurig eigentlich: Langsam verstehe ich den mäßigen Ruf der SozPäds in der Öffentlichkeit immer besser – das ist der letzte Eindruck meines Studiums, den ich mitnehme.

Tags: , , , ,

Respekt.

Wenn ich (immer noch wach) sehe, dass manche Leute sonntags kurz nach 6 Uhr aufstehen, um für das Studium zu lernen, in weiter Entfernung zum Semesterende oder dem Abschluss, dann kann ich mich nur schämen. So hart musste ich als einer der letzten Diplomstudenten wirklich nie lernen – dabei waren die Bedingungen für uns bereits deutlich erschwert, verglichen mit früheren Jahren.

Klar: Ich musste schon öfter arbeiten, um mein Studium zu finanzieren, aber ich hatte auch alle Freiheiten, meine Zeit frei einzuteilen und hatte nicht an die 35+ Stunden an reiner Seminarzeit – was diese Leute in einigen Fächern durchmachen, ist teilweise schockierend. Mein Respekt für die Leute, die ein Bachelor/Master Studium mit einem Job/Ehrenamtlicher Tätigkeit/Privatleben verbinden, kennt kaum Grenzen.

Tags: ,

Switch to our mobile site