Ich glaube, jeder von uns hatte irgendwann während seiner Jugend eine schräge Tante. In meiner inzwischen zerstrittenen Familie musste man nicht einmal “richtig” verwand sein, um eine Tante zu sein. Tante waren die Frauen, die mein Vater oder meine Mutter oder meine Oma mit diesem Titel versahen, denn genau das war es – ein Ehrentitel und nicht etwa eine Bezeichnung für Geschwister meiner Eltern. Eine Tante aus der persönlichen Sammlung muss unbedingt seltsam sein. Eine Diva, die einem Schläge für den Fall androht, sie “Tante” zu nennen.
Natürlich hatte ich auch so eine, genauso wie ihr auch. Meine war eine Freundin meiner Mutter und nicht nur eine Freundin, sondern sie wäre “die” beste Freundin aus dem Sandkasten gewesen, wenn sie in einen Sandkasten gespielt hätten. Die besondere Sorte bester Freundin, die die eigenen Eltern wohl immer etwas argwöhnisch beäugt haben, weil sie offensichtlich einfach zu chaotisch und anstrengend war, Bad News. Tatsächlich hatten meine Großeltern damals Recht. Die gehörte hier nicht aufs Dorf. Damals nicht und später nicht. Ein seltsamer, wenn schon nicht schlechter Einfluss. Einfach viel zu schön, damals, zu extravagant. Zu dunkle, große Sonnenbrillen. Sie wohnte in einem reduziert eingerichteten Haus, voll mit dem kostspieligen Alessi-Krams, Kurzhaardackeln und Bildbänden über moderne Kunst. Warum ist die nicht weg gezogen, bevor es zu spät war? Das habe ich nie verstanden; vielleicht wäre sie nicht mehr anders genug gewesen für ihren Geschmack, weniger Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihrer spießigen Nachbarn?
Schon bei der Geburt hatten die Ärzte ihr keine Chance gegeben, aber sie hat natürlich überlebt, allein schon um sie zu ärgern. Ich habe nie wieder jemanden gekannt, der so viele Notoperationen überlebt hat, so Verabredungen mit zu vielen Flaschen zu teurem Weines und definitiv zu heftigen Tabletten irgendwie überstanden hat. Das war die Sorte Tante, die Samstag morgens völlig zugedröhnt stundenlange, unaufhaltsame Telefonate über ihr schreckliches Leben führt und einem dann noch verkündet – “Denis, halt einfach die Klappe und hör mir zu!” – wie ich endlich mal mein Liebesleben in die allerbeste – ihre eigene – Richtung gebogen kriege.Tanten akzeptieren da keine Widerworte; das kommt mit dem Titel. Ihr kennt das ja, oder?
Aber das war auch eine lustige Person, wenn es ihr mal gut ging, mit einer teerigen Lache, wie sie nur nach Jahren leidenschaftlichen Kettenrauchens auftritt. Großzügig und offen und immer an allem interessiert, was man gerade so machte. Keine Kinder hatte sie, natürlich. Bin ziemlich sicher, dass sie das bewusst so gehalten hat, glaube sie wusste das sie nicht für lange auf der Welt sein würde.
Immerhin hat sie ein paarmal versucht, sich umzubringen, aber ihre Neigung zum Unpraktischen machte ihr einen Strich durch die Richtung. Kein Wunder, dachte ich; sie ging allen um sich auf die Nerven und sie war traurig einsam geworden, Mann und Hunde und hin und her, egal. Wollte nicht mehr raus gehen.
Naja, dann war es plötzlich zuende und keiner war wirklich überrascht. Lag wochenlang im Koma und dann hatte sich gegessen mit dem “Ätsch, ich leb doch einfach noch mal weiter, ihr bescheuerten Ärzte.” So hatte sie sich das gewünscht. Organspende (die Verwandten hassten das) und dann: Sechs Spax-Schrauben durch den Sarg, damit sie da keiner rausholt. Auf Nummer Sicher.
So, Freitag war dann die Beerdigung. Alle waren da, Gesichter die ich lange, lange nicht gesehen hatte. Der viel zu kleine Saal voll wie Hastunichtgesehn. Kein Platz für die vielen Blumen (“Ich will nur weiße Blumen, wenn ich abkratz!”) und Kränze. Und die hunderttausend Kerzen.
Ich dachte: Wenn hier einer hustet, nur etwas lauter, dann steht hier alles in Flammen. Massenpanik, unschön totgetrampelte Klatschbasen aus der Straße nebenan. Katastrophe, Drama! Schau, da hat schon wieder einer beinahe einen Kerzenleuchter umgeschmissen. Die blöde routinierte Pastorin wars; die hat auch so brennbare Ärmel. Sollte besser aufpassen.
Gemeindehaus durch panisch brennende Pastorin während einer Beerdigung dem Erdboden gleichgemacht.
Das hätte der Tante aber wirklich gefallen.
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