Tanzen

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Wir tanzen

Wir tanzen über das Kopfsteinpflaster, es glänzt nass im Schein des Vollmond.

Kleine Sandkörner knirschen leise zwischen unseren Schuhsohlen und dem feuchten Stein.

Unsere Stimmen hallen durch die Stille, weit über die Gassen.

Du tanzt über die ganze Straße, du drehst dich langsam und ich höre deinen Atem und sehe dich lächeln, wenn das Mondlicht gerade richtig auf dich scheint.

Ich stolpere mehr, einmal treffe ich fast einen Laternenmast, aber das hast du nicht gesehen, hoffe ich.

Du drehst dich an mir vorbei, fast spüre ich deinen Körper, nach dem ich mich sehne und ich höre nur dein leises Kichern, vielleicht gar nicht so leise.

Wenn wir uns treffen, dann nehme ich deine warme Hand und manchmal, da küssen wir uns und deine Lippen sind viel wärmer und viel weicher und es ist leicht, dich wieder loszulassen, denn ich bin mir gewiss dass du wiederkommst, immer wieder, bis die Nacht uns verschluckt und niemand uns mehr folgen kann.

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Anschleichen an den Siegfriedplatz

Vor kurzem war ich wieder einmal auf dem Bielefelder Siegfriedplatz zu Gast; bekanntlich trifft sich dort die lokale Intelligenz, um die dort vorhandenen Ausschankstellen durch mitgebrachten Alkohol in den Ruin zu treiben und inspirierende Gespräche auf dem warmen Pflaster zu treffen. Daraus hat sich eine Art Ökoystem entwickelt, an dessen Ende die Flaschensammler anzusiedeln sind, die hinter dem Pfand her sind.

- “Opa, die auch?”
- “Ja, aber erst ordentlich ausgießen, wie ich dir das gezeigt habe… sehr schön. Kannst du noch eine tragen?”

Die Kleine war so drei Jahre alt. Ich kann Frauen so schlecht im Alter einschätzen.

- “Nimm noch zwei Flachen mit, dann haben wir mehr Platz im Kinderwagen.”

Sagte er und sie waren verschwunden. Es ist schließlich nie zu früh, um Nachwuchs für das Familiengeschäft anzulernen. Wir Zeugen fühlten uns alle etwas merkwürdig dabei.

*

Heute Abend muss ich auf eine Hochzeitsfeier. Meine Freunde neigen nicht zu solchen Torheiten, tatsächlich ist das meine Allererste – jedenfalls die allererste, in der sich Leute aus meinem direkten Freundeskreis vermählen. Ich hab den Haufen seit Jahren nicht gesehen und ich habe … Vorbehalte. Nicht gegen Horden von Unbekannten, die sich bestimmt über mein Haus, meine Kinder, meinen Job unterhalten wollen und sich brennend dafür interessieren, warum ich denn allein komme. Die Antwort: Wegen ihnen natürlich. Aber deswegen habe ich keine Vorbehalte.

Ich habe Angst vor all den Tanten der Braut und des Bräutigams, die mit Sicherheit irgendwann angeschickert sind und dringend tanzen wollen und mich auffordern. Ich bin der Bar-Typ, nicht der Tanzflächen-Typ. Ich hätte doch unbedingt eine leidensfähige, überzeugend eifersüchtige und außerdem verlässlich tanzunwillige Begleitung mitbringen sollen. Aber nun ist es zu spät; viel zu spät, nun rächt es sich erbarmungslos, dass ich mich damals geweigert habe, einen Tanzkurs mitzumachen. Falls ich das nicht überleben sollte: Es war schön, von euch gelesen zu werden. Ehrlich.

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Seit langem mal wieder zur Tinnitusparty, es ist fast schon zu leer als ich eintreffe, gegen eins. Aber das ändert sich bald.

Es ist wichtig welche Musik in dem Moment läuft, entweder hast du dann gleich gute Laune oder wirst skeptisch oder im schlimmsten Fall knurrig. Ich und der DJ haben Glück, es ist etwas schwingendes aus England, ich bin zufrieden.

Keiner da, den ich kenne. Ich hole mir einen Kaffee, wie immer, aber heute ist der trotz seines gewohnt fürchterlichen Geschmacks absolut angebracht, es ist nämlich saukalt geworden.

Die ersten Bekannten laufen auf, man begrüßt sich und trennt sich dann wieder, der Laden ist klein genug um sich später wiederzufinden. Ich mag die großen Tanzschuppen nicht, die sind so riesig und steril und man kennt so wenig Leute, dass man sich kaum noch an der Theke zuprostet.

Meine Freunde sind da. Mir geht es eigentlich bescheiden, aber ich fühle mich gelöst, ein guter Abend. Wir wippen etwas und schimpfen über die chaotische Musikauswahl und die kunstlosen Ausblendereien des Musikquetschers hinter den Turntables.

Ich tanze trotzdem und dann geht es wieder, ich bin gar nicht mehr verkrampft. Wenn die Musik schnell ist und ich den Takt finde, dann schlägt das Herz flotter und man spürt die scharfkantigen Löcher darin nicht mehr so sehr. Wenn man die Augen nur etwas schließt und durch den Spalt in die Menge peilt, dann kann man fast fühlen, dass sie dabei sind, direkt hinter dir; die Leute, die nicht da sind, an die du denkst und es tut jetzt einfach nicht mehr weh, für den Moment, nicht mal wenn du dich an sie denkst; sie, an die du immer denkst.

Du kennst das schönste Mädchen vor Ort und du siehst sie am anderen Ende der Tanzfläche, gedankenverloren, ihre Haare fliegen. Sie funkelt quer durch die Menge zu dir herüber, als sie zu bemerken scheint.

Du funkelst zurück.

Alles ist in Ordnung, in diesem Moment. Du musst weitertanzen.

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