”I say, Jeeves, you know, you’re a bit of a marvel.”
“I endeavor to give satisfaction, sir.”
Nur um eines gleich zu Beginn zu klären: Auch wenn diese Anthologie ganz schön dick ist, sind lange nicht alle Geschichten über Jeeves und Wooster darin versammelt. Wenn ich mir vorstelle, wie Wodehouse über 50 Jahre lang immer wieder über dieselben zwei Charaktere zu schreiben – dann muss man seine Figuren schon sehr mögen.
Bertram Wilberforce “Bertie” Wooster ist Teil der britischen Upper Class und ist sehr beschäftigt damit, wenig produktiv zu sein. Dieser perfekte, vielleicht ein wenig ungeschickte Gentleman verteidigt mit großer Energie sein Junggesellendasein gegen eine Vielzahl von Bedrohungen: Seine zahlreichen Bekannten, die Berties Großzügigkeit und sein weiches Herz nur zu gern ausnutzen oder – viel schlimmer – Verheiratungsversuche seiner Tanten, denen die Faulheit Berties selbstverständlich ein Dorn im Auge ist.
Bertie wäre total aufgeschmissen, hätte er nicht eine Geheimwaffe: Jeeves, seinen Kammerdiener.1 Jeeves scheint nicht nur ausgesprochen korrekt und überlegt zu sein, er kann sich auch absolut lautlos bewegen und betritt nicht einfach nur einen Raum, er materialisiert und das im genau richtigen Moment, wie Bertie es (der fast alle Geschichten erzählt) formuliert. Er ist der Prototyp des unerschütterlichen Dieners2, den scheinbar nur die zweifelhaften modischen Entscheidungen seines Herrn verärgern können. Jeeves ist eine nie versiegende Quelle von Wissen, ein Ratgeber endloser Weisheit, beschenkt mit einem gelegentlich fast skrupellosen Pragmatismus. Er ist außerdem ein Meister im Arrangieren glücklicher ‘Zufälle’.
Die Geschichten sind eigentlich immer nach einem ähnlichen Strickmuster gemacht: Bertie gerät durch eigene Schuld oder durch seine vielen Schwächen in eine unerfreuliche Situation und nur durch Jeeves Hilfe – auf den Bertie vollständiges Vertrauen setzt – kommt er am Ende einigermaßen ungeschoren davon.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass einige meiner geneigten Leser sich nun fragen, was die formelhafte Serie rund um ein total übertriebenes und vollkommen unrealistisches England voller teils wild überzeichneter Figuren an sich hätte – was sie denn so fürchterlich lesenswert machen soll. Dazu komme ich jetzt. Gut mitlesen:
Man sollte unbedingt erwähnen, dass Wodehouse wirklich unglaublich gut schreibt und gleichzeitig genauso unglaublich komisch ist. Dass die kunstvollen Pointen niemals zu Lasten der Geschichte gehen und die Handlung immer vorantreiben. Dass die Zuneigung des Autors zu seinen Figuren in jeder Zeile spürbar und der feine Humor immer noch wundervoll funktioniert – obwohl nichts davon bösartig, platt oder auch nur ansatzweise anzüglich wäre. In anderen Worten: Diese Geschichten unterscheiden sich in jeder ihrer Eigenschaften ganz entschieden von etwa Two And A Half Men.34. Die Ereignisse in diesem Buch sind warmherzig und absolut kunstvoll geschrieben, nicht allzu lang und genau das richtige für die Bettlektüre.
Ein anderer praktischer Einsatzort für diesen Band wäre der Englischunterricht – ich musste selten so häufig wie für dieses Buch einzelne Wörter nachschlagen. Der Grund ist Berties teils obskure Wortwahl und so könnte man hervorragend den Einsatz eines Wörterbuches einüben. Das störte mich aber überhaupt nicht und machte sogar Spaß. Ich jedenfalls habe meinen Wortschatz ganz nebenbei erheblich um eine Menge merkwürdig schräger, aber unzweifelhaft wohlklingender Wodehouse-Lieblingsvokabeln erweitert.
Das hier ist großartiges Zeug, liebe Leser. Freundschaft, Vertrauen, Menschlichkeit, Diplomatie, Liebeswirren und noch schlimmer: Verwandtschaft. Neil Gaiman, Douglas Adams, die Königinmutter und Tony Blair: Sie können nicht alle irren, oder? Blair vielleicht schon, aber der Rest…
Ein paar Hinweise: Ich habe das Cover oben mit einem Amazonlink versehen, diesem nämlich:The World of Jeeves: A Jeeves and Wooster Omnibus. Wenn ihr darüber etwas bestellt, bekomme ich einen kleinen Anteil davon. Zweiter Hinweis: Es gibt auch deutsche Übersetzungen, viele Ausgaben davon sind meines Wissens aber nicht im Druck. Lest es in englisch, ihr werdet es nicht bereuen.
- Reginald Jeeves ist tatsächlich kein Butler – egal was andere Schreiber sagen. Er ist ein Valet. [↩]
- Ich nehme auch an, dass eine Menge der “britischer Butler” Klischees auf ihm aufbauen. [↩]
- Nun gut, man könnte Bertie eine Anzüglichkeit nachreden, als er einmal seine charakterlich schwierige Verlobte als mit “einem wundervollen Profil” gesegnet beschreibt. (“She had a wonderful profile, though.”) [↩]
- Es gibt übrigens auch eine TV-Serie zu ‘Jeeves and Wooster’, zu der ich vielleicht auch einmal etwas schreibe [↩]



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