Wohnung

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Aufräumen

Wenn ich nicht gerade knietief durch Wochen alten Müll waten muss, bin ich ganz schön tolerant, was den Zustand von Wohnungen angeht, die ich besuche. Ich achte gar nicht darauf, ob vielleicht mittels einer mit Bedacht eingesteckten Lupe mit bloßem Augen unsichtbare Staubfilme auf den Möbeln liegen. Ach was, sichtbare Staubfilme und entschiedene Unordnung stören mich auch überhaupt nicht.

Was meine eigene Wohnung angeht, sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Ich lasse ja so einiges herumliegen, ein winziger – mittelwinziger – Haufen Schmutzwäsche türmt sich neben meiner Koje auf, überall Kabel, Bücher, gespültes (!) Geschirr – kurz, ich müsste schnell aufräumen, bevor ich jemand reinlasse. Nicht das sich in den letzten Wochen ernsthaft Besuch angekündigt hätte. Oder das ich mich nicht freuen würde, wenn die Klingel überraschend loslärmen würde.

Ach, ich fürchte, ich komme nicht drum herum, oder?

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Als Kind lebte ich ungefähr 150 Meter von einer Bahnlinie entfernt, über der tagsüber stündlich ein Triebwagen und später abends auch schon mal ein Schnellzug fuhr. Die Schnellzüge fuhren später woanders, die Triebwagen blieben. Aus 150 Metern rumpeln Züge auf die erwartete Art und Weise und bringen einen höchstens um den Schlaf und manchmal dazu, die Musik lauter zu drehen.

Aus 20 bzw 10 Metern ist es ein von Grund auf anderes akustisches Erlebnis.

Ich hätte ja nie im Traum erwartet, welche Bandbreite seltsamster Klänge ganz normaler Schienenverkehr erzeugen kann. Die Güterzüge sind am besten – mal davon abgesehen, dass sie das Fernsehbild und Mobiltelefonate stören, versteht sich. Aber man hört sie eigentlich nur richtig im Bett und da telefoniere ich nur selten und sehe nie fern, gar kein Problem also.

Das quietscht und kracht und hallt und klackert und ploinckt, manchmal ist es auch nur das Pfeifen und Kreischen der Bremsen. In einer Nacht im März wurde ich von etwas wach, einem singenden, klagendem Geräusch; es klang fast, aber nicht ganz wie die Gesänge von Buckelwalen.

Es dauerte Minuten oder Stunden.

Ich besiegte den Drang nachzusehen und dachte lieber weiter an die singenden Wale dort draußen, weit über dem Güterbahnhof.

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Ausblick

Ausblick

Wenn mir schon die Zeit für mehr fehlt, dann kann ich doch einen potentiell enttarnenenden Schuss aus meiner Residenz liefern. Malerisch, oder? Im Sonnenuntergang sieht fast alles einigermaßen tragbar aus. Keine Sorge. Wenige Schritte entfernt wartet kühles Bier.

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Man sollte einfach keine Parallelen von der Arbeit zum Privatleben ziehen; aber natürlich kommt es vor. Zum Beispiel – ihr ahnt es bereits – bei mir.
Ich habe eine in fürchterlichen Verhältnissen lebende junge Familie dabei unterstützt, sich gegen den Vermieter durchzusetzen, der gern mal in Abwesenheit der Mieter heimlich “Kontrollbesuche” in der Wohnung vornimmt. Das ist natürlich vollkommen illegal und untragbar, wie wir alle wissen. Ein Grund zur sofortigen Kündigung, wenn nicht sogar für weitere rechtliche Schritte.

Als ich nach Hause kam und mich mit meinem eigenen hochkorrekten Vermieter über seine nach wie vor fruchtlosen WLAN-Bemühungen unterhielt und ihm anbot, selbst eine Messung der Signalstärke in meiner Wohnung vorzunehmen … konnte er schon ein Ergebnis vorweisen.

Er war schon am Wochenende ein paar mal da und hat Tests vorgenommen.

Wie bitte ?

Was ich brauche:

  1. Schnell eine feste, eigene, tolle Wohnung.
  2. Vermutlich: Einen eigenen Sozialarbeiter.

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Ich kann in meiner neuen Wohnung ganz gut schlafen. Was durchaus erstaunlich ist, kreuzen sich doch in unmittelbare Nähe die Gleise von Eisenbahn und Straßenbahn. Zum Glück fahren die Züge nicht die ganze Nacht über – es gibt seltene Pausen, so ungefähr bis sechs Uhr morgens und während der kleinen Zeitfenster, in denen die Interessenten meine aktuelle Wohnung besichtigen. Dann – und nur dann – fahren auf keinen Fall Züge.

Meine Vermieterin hatte mich treuherzig getröstet: Mein Schlafzimmer wäre “hinten raus” und man höre dort “eigentlich nichts.” Leider käme nie ein Zug vorbei, wenn sie die Wohnung gerade Interessenten zeige. Merkwürdig, oder?

Manchmal, wenn ein besonders schwerer Güterzug vorbeidröhnt, dann springt schon mal die Badezimmertür oder der Kleiderschrank auf. Das sind mächtige Vibrationen.

Dude.

Ich nenne mein Schlafzimmer jetzt “Maschinenraum”. So muss das klingen. In einem Ozeanriesen.

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